Frei nach Jules Verne · Eine Abenteuerfassung für junge Forscherinnen und Forscher
Stell dir vor, du fällst mit einem Ballon aus dem Himmel. Du landest auf einer fremden Insel — ohne Messer, ohne Streichholz, ohne Karte. Was tust du? In diesem Buch findest du fünf Freunde, die genau das erleben. Sie sind klug, mutig und manchmal furchtbar müde. Sie bauen aus zwei Uhrgläsern Feuer, aus Sand Glas und aus einem einzigen Weizenkorn ein ganzes Brot. Lies langsam, staune oft, knack die Rätsel mit. Vielleicht entdeckst du dabei, dass auch in dir ein kleiner Tüftler wohnt — einer, der nicht aufgibt, wenn andere schon längst kapituliert hätten.
Viel Mut beim Lesen!

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Der Wind heulte wie ein wundes Tier. Über dem Pazifik hing ein Ballon, müde und zerschunden. In seinem Korb klammerten sich fünf Männer und ein Hund an die Taue. Salz prickelte auf den Lippen, Regen peitschte die Wangen. Pencroff spuckte aus.
»Heiliges Tauwerk«, knurrte er. »Der Sturm will uns auffressen.«
»Werft alles ab«, sagte Cyrus Smith leise. Sein Wort war kurz, doch es zog wie ein Anker. Cyrus — gesprochen »Zai-rus« — war Ingenieur, ein Mann der ruhigen Hand.
Werkzeug fiel. Decken fielen. Sogar Spiletts gutes Fernrohr segelte ins Grau. Der Reporter zuckte mit den Schultern. »Schade«, murmelte er. »Aber Leben sind teurer als Linsen.«
Gédéon Spilett — »Schedeon« — schrieb sonst für eine große Zeitung in New York. Jetzt schrieb er nichts. Er hielt sich am Tau und atmete.
Der Ballon stieg. Kurz. Dann sank er wieder.
»Mr. Cyrus!«, rief Nab. Seine Stimme zitterte nicht, aber sein Atem ging schnell. »Wir fallen!«
»Ich weiß, Nab.« Cyrus blickte nach oben. Die Hülle knirschte gefährlich. Ein langer Riss zog sich durch den Stoff, und das Gas zischte hinaus wie aus einem Topf, dem der Deckel fehlt.

Harbert klammerte sich neben Pencroff fest. Der Junge war fünfzehn, schmal, sommersprossig, das Wuschelhaar klebte ihm an der Stirn. »Wenn wir noch mehr werfen, steigt er dann?«, fragte er. »Schau, Pencroff — kann ein Ballon ohne Korb fliegen?«
»Mein Junge«, schnaufte Pencroff, »ein Ballon fliegt, solange Gas drin ist und Idioten an ihm hängen. Letzteres haben wir reichlich.«
Harbert lachte trotz allem. Pencroff war sein Mündel-Vater, sein Kapitän, sein Lehrer aller Knoten der Welt.
»Auch die Gondel«, sagte Cyrus. »Hinaus damit.«
»Bei den Walen!«, rief Pencroff. »Das ist der Plan eines Verrückten — und genau deshalb gut.«
Sie kletterten in die Schnüre über dem Ring, einer nach dem anderen. Top, der schwarze Spaniel, sprang Cyrus hinterher und biss sich am Tau fest. Die Stricke wurden gekappt. Mit einem Ruck löste sich der Korb. Lautlos taumelte er in die Tiefe, zerschellte auf einem Wellenkamm und war fort.
Der Ballon schoss empor wie ein erleichterter Vogel. Hoch, höher, dann wieder tiefer. Das Gas verlor sich Atem für Atem.
»Ich sehe etwas«, sagte Spilett. Er deutete nach Westen. Aus dem Grau wuchs eine dunkle Linie.
»Land«, hauchte Harbert. »Land!«
Wusstest du? — Wie ein Ballon fliegt
Ein Ballon ist ein riesiger Stoffsack voller Gas, das leichter ist als Luft. Genau wie ein Korken im Wasser nach oben treibt, treibt der Ballon im Luftmeer nach oben. Will man steigen, wirft man Sand- oder Wassersäcke ab — das nennt man Ballast. Will man sinken, öffnet man oben ein kleines Ventil und lässt Gas heraus. Reißt die Hülle aber ein, zischt das Gas davon. Dann hilft kein Ventil mehr, nur noch Glück und kühle Köpfe.
Land. Schmal, fremd, dunkel. Eine Küste mit hohen Felsen. Doch der Ballon sank schneller, als das Ufer näherkam. Wellen leckten schon an den Stiefeln der Männer. Die Hülle schlug Falten wie ein leerer Sack.
»Nicht loslassen!«, rief Cyrus. Top winselte an seinem Hosenbein.
Da kam die Welle. Sie war hoch wie ein Haus. Sie traf die Männer wie eine Faust aus Wasser.
Etwas riss. Etwas glitt. Cyrus’ Hand löste sich vom Netz. Lautlos verschwand der Ingenieur im Schaum. Top bellte einmal kurz — und sprang ihm nach.
»Cyrus!«, schrie Nab. Der Wind warf den Schrei zurück.
Der Ballon, erleichtert um den Mann und den Hund, hüpfte ein letztes Mal in die Höhe. Dann sank er in schräger Linie und warf vier Männer auf den Sand.
Sie lagen einen Atemzug lang still. Über ihnen segelte die schlaffe Hülle wie ein verwundeter Vogel davon, vom Wind verschluckt.
»Aufstehen«, sagte Spilett rau. »Sofort.«
Pencroff zählte. Eins, zwei, drei, vier. »Mr. Cyrus fehlt«, sagte er heiser. »Und der Hund.«
Nab war schon auf den Füßen. Er rannte los, der Küste entlang nach Norden, dahin, wo sie die Welle gesehen hatten. Die anderen drei folgten, so schnell sie konnten.
Wer waren diese fünf? Freunde aus Richmond, wo der Krieg gewütet hatte. Cyrus, der Ingenieur, war in einer Schlacht verwundet und gefangen worden. Spilett, der Reporter, hatte Notizen gemacht, als man ihn aufgriff. Nab — »Nathanael, Nab gerufen« — war mit Cyrus zusammen aufgewachsen, sein Jugendfreund, sein Gefährte seit Kindertagen. Als er hörte, dass Cyrus in der belagerten Stadt saß, schlich er sich hinein, nur um an seiner Seite zu sein. Pencroff, der Seemann, und Harbert, sein Mündel, hatten in Richmond festgesteckt wie zwei Möwen in einer Falle. Gemeinsam hatten sie den Ballon gekapert, in einer Sturmnacht, als kein Wächter mehr nach oben schaute. Fünf Tage hatte der Orkan sie über den halben Erdball getragen.
Und nun lag der Anführer dieser Fünf irgendwo in der Brandung.
Sie suchten. Sie riefen. Sie sahen Möwen aufsteigen, sonst nichts. Nach zwanzig Minuten hielt sie schäumendes Wasser an. Eine Landzunge, ein Ende.
»Wir kehren um«, sagte Pencroff. »Andere Seite.«
Sie liefen zurück, schlugen den anderen Bogen — und stießen wieder ans Wasser. Pencroff blieb stehen. Er sah die Wellen, er sah den Himmel, er sah seine Stiefel. Dann lachte er ein kleines, bitteres Lachen.
»Heiliges Tauwerk. Wir sind auf einem Eiland.«
»Einem was?«, fragte Harbert.
»Einem winzigen Inselchen. Klein wie ein gestrandeter Wal.« Pencroff zeigte nach Westen, dorthin, wo durch den Dunst eine größere Küste schimmerte. »Dort ist das richtige Land. Ein schmaler Kanal trennt uns davon.«
Erfinder-Steckbrief — Brüder Montgolfier
Lebte: Joseph 1740–1810, Étienne 1745–1799 Erfindung: der erste bemannte Heißluftballon Geschichte: Die zwei Brüder aus Frankreich beobachteten, wie Asche im Kamin nach oben tanzte. Sie dachten: Warme Luft will hoch — also fängt man sie ein! Sie nähten einen riesigen Sack aus Leinen und Papier, machten ein Feuer darunter, und der Sack stieg in den Himmel. 1783 schickten sie zuerst ein Schaf, einen Hahn und eine Ente in die Luft. Als die Schafe wohlbehalten wiederkamen, traute sich endlich ein Mensch hinein. So begann die Reise zu den Wolken.
Die Nacht verging quälend langsam. Sie riefen nach Cyrus, bis ihre Stimmen heiser waren. Einmal hallte ein schwaches Echo von Westen zurück. Sonst nur das Rauschen.
Über ihnen funkelten Sterne, die keiner kannte. Kein Polarstern. Stattdessen ein leuchtendes Kreuz, tief am Himmel.
»Das ist nicht unser Norden«, flüsterte Spilett. »Wir sind weit, weit fort von zu Hause.«

Am Morgen kroch dichter Nebel aus dem Meer. Erst nach Stunden hob er sich. Da lag sie endlich vor ihnen: die fremde Küste, eine hohe Mauer aus Granit, dahinter Wälder, Berge, ganz hinten ein weißer, schneebedeckter Gipfel. Zwischen ihrem Eiland und dem Land floss der Kanal, eine halbe Meile breit, wie ein Bach, der gegen den Strand drängte.
Nab schaute keinen mehr an. Er warf seine Jacke ab. Er sprang.
»Nab!«, rief Pencroff. »Nicht ohne uns!«
Doch Nab schwamm schon. Schulter um Schulter tauchte aus dem Wasser auf, eine dunkle, kraftvolle Linie quer durch die Strömung. Er hatte vergessen, dass er müde war. Er hatte vergessen, dass das Meer kalt war. Er erinnerte sich nur an einen Namen.
»Lasst ihn«, sagte Spilett leise. »Sein Herz schwimmt schneller als seine Arme.«
Pencroff zeigte auf den Sand. »Schaut. Das Wasser fällt. Ebbe. In drei Stunden waten wir hinüber.«
Sie warteten. Sie aßen ein paar Muscheln vom Strand. Sie sprachen wenig. Harbert legte Pencroff die Hand auf den Arm, und Pencroff legte seine darüber. Manchmal sind Hände schneller als Worte.
Drei Stunden später wateten die drei durch den schmalen Wasserarm. Das Wasser reichte Spilett bis zum Bauch, Harbert schwamm das letzte Stück wie ein Fisch. Drüben krochen sie auf den Sand, ließen sich von der Sonne trocknen.
Sie folgten Nabs Spur am Strand entlang nach Norden. Eine Weile sahen sie seine nassen Abdrücke im Sand. Dann hörten die Spuren auf — Felsen, harter Boden, nichts mehr zu lesen.
Von Cyrus Smith war keine Spur zu finden. Keine Stoffähnchen, keine Stiefelabdrücke, kein nasser Hund, der ihnen entgegenlief. Nur der Wind, nur die Möwen, nur die endlose Brandung.
Sie fanden Nab am Wasserrand. Er kniete im Sand. Top war nicht bei ihm. Cyrus war nicht bei ihm. Seine Schultern bebten ganz leise, so leise, wie wenn ein großer, stiller Baum im Wind nachgibt.
Harbert wollte etwas sagen. Pencroff legte ihm die Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf.
Nab beugte sich vor. Seine Stirn berührte den nassen Sand. Der Wind trieb nur Möwen über die Brandung.
»Cyrus«, flüsterte Nab. »Wo bist du?«
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Nab kniete im Sand. Er rief Cyrus' Namen ins Grau. Keine Stimme antwortete. Nur der Wind kam zurück, salzig und kalt.
Pencroff legte ihm die Hand auf die Schulter. »Komm, Alter«, sagte er rauh. »Wir suchen weiter. Aber zuerst brauchen wir ein Dach über dem Kopf.«
Spilett blickte den Strand entlang. Er war erschöpft, doch sein Blick blieb scharf. »Geht ihr nach Süden«, sagte er. »Ich laufe noch einmal nach Norden. Nab kommt mit mir.«
Nab nickte stumm. Sein Gesicht war wie aus Holz geschnitzt.
So teilten sie sich. Spilett und Nab schritten zur Nordküste, in der Hoffnung auf ein Zeichen. Harbert und der Seemann gingen nach Süden, dem Sand entgegen, den das fallende Wasser frei gab.
»Schau, Pencroff!« Harbert zeigte auf eine Spalte in der Granitwand. Riesige Felsblöcke lagen dort übereinander, als hätte ein Riese mit Würfeln gespielt. Gänge führten in das Innere. Wind pfiff hindurch wie durch Schornsteine.
»Heiliges Tauwerk«, brummte Pencroff. »Das ist beinahe ein Haus.«
»Lass es uns ›Die Kamine‹ nennen«, sagte Harbert.
»Die Kamine sollen es heißen.«

Sie krochen tief in den Spalt. Sand knirschte unter den Stiefeln. Drei kleine Höhlen, in denen man aufrecht stand. Das Licht fiel durch Lücken im Granit. Der Wind aber fuhr ungebeten mit hinein.
»Wir stopfen die obere Lücke«, sagte Pencroff. »Mit Sand und Zweigen. Dann zieht der Rauch nach oben raus, und wir frieren nicht mehr.«
Sie sammelten Steinmuscheln zwischen den Algen. Harbert kannte sie aus seinen Büchern. »Die schmecken pfeffrig«, sagte er. »Wie gewürzt.«
»Pfeffer ohne Pfeffer«, lachte Pencroff. »Das nenne ich Gastfreundschaft des Meeres.«
Sie aßen. Der Hunger wich. Der Durst kam dafür stärker. Doch hundert Schritte weiter rauschte ein Flüsschen klar zwischen Felsen heraus, und sie tranken aus den Händen.
Am Nachmittag kehrten Spilett und Nab zurück. Sie kamen allein. Nabs Augen waren rot. Er setzte sich an die Felsspalte und sagte kein Wort.
»Wir brauchen Feuer«, sagte Pencroff schließlich. »Sonst werden wir die Nacht nicht überstehen.« Er griff in seine Tasche, in die andere, in die Jacke. Er suchte und suchte. Dann wurde er ganz still.
»Was hast du?«, fragte Harbert.
»Mein Feuerzeug.« Pencroff schluckte. »Es ist weg.«
»Sicher?«
»Ich hatte es im Korb. Bei dem Stoß muss es herausgefallen sein.«
Stille. Sehr lange Stille. Draußen heulte der Wind. Drinnen heulte nichts, aber alle vier hörten dasselbe: Kein Feuer. Keine Wärme. Keine warme Mahlzeit. Eine eiskalte Nacht.
»Lasst uns suchen«, sagte Harbert tapfer. Sie krochen über den Strand. Sie tasteten zwischen Kieseln. Sie spähten in jede Felsspalte. Das Meer hatte das kleine Kupferdöschen längst verschluckt.
Pencroff setzte sich auf einen Stein und rieb sich die Stirn. »Verflucht«, murmelte er. »Verflucht, verflucht.«
»Vielleicht haben die anderen welche«, sagte Harbert.
»Spilett raucht«, sagte Pencroff. »Er muss Streichhölzer haben.«
Sie eilten zurück. »Mr. Spilett!«, rief der Junge. »Bitte, schauen Sie noch einmal nach. Ein einziges Hölzchen genügt uns!«
Der Reporter blickte überrascht auf. Dann griff er in seine Jacke. In die Hose. In die Westentaschen. Nichts. Nichts. Nichts.
»Es tut mir leid«, sagte er leise. »Ich habe sie wohl alle aus dem Korb geworfen.«
Nab seufzte tief. Pencroff schloss die Augen.
Aber Harbert ließ nicht locker. »Bitte, noch einmal. In jeder Falte. Im Futter.«
Spilett strich noch einmal durch jedes Stück Stoff. Schon wollte er aufgeben. Da spürten seine Fingerspitzen unter der Weste etwas Hartes. Etwas Winziges. Etwas Splitterdünnes.
»Wartet«, sagte er.
Er zog vorsichtig. Ein dünnes Holzstäbchen kam zum Vorschein. An der Spitze ein winziges braunes Köpfchen.
»Ein Streichholz«, flüsterte Pencroff. »Ein einziges Streichholz.«
»Bei den Walen!«, hätte er sonst gerufen. Jetzt aber wagte er nicht einmal laut zu atmen.
Sie trugen das Hölzchen zu den Kaminen wie eine Kerze in der Kirche. Harbert schichtete trockenes Moos und Blätter unter dünne Zweige. Spilett riss ein Blatt aus seinem Notizbuch, knitterte es weich, schob es darunter.
»Du, Pencroff«, sagte Spilett.
Pencroff schüttelte den Kopf. Seine Hände zitterten. »Ich bringe es nicht fertig«, gestand er. »Wenn das Köpfchen abspringt, sind wir verloren.«
Alle Blicke gingen zu Harbert.
Der Junge atmete tief ein. Sein Herz pochte wie ein kleiner Hammer. Er kniete sich vor den Herd, suchte sich einen rauhen, trockenen Kiesel und legte das Hölzchen ganz behutsam darauf. Dann strich er. Schnell. Sanft. Sicher.
Es knisterte. Eine bläuliche Flamme zischte auf und tanzte am Holz. Harbert hielt den Atem an, drehte das Hölzchen langsam, ließ es weiter fangen. Dann hielt er es unter das Papierbäuschchen. Das Papier krümmte sich, wurde schwarz, sprang in Flammen.
Das Moos fing. Die Blätter fingen. Die Zweige knackten und glühten. Pencroff blies behutsam hinein, als wäre die Flamme ein Vögelchen, das nicht erschrecken durfte. Bald loderte das Feuer hell durch die Felsspalte.
»Endlich!«, rief Pencroff. Seine Stimme war heiser. »Endlich!« Er packte Harbert an den Schultern. »Mein Junge, du hast uns gerettet.«
Harbert lächelte schief. Seine Finger zitterten erst jetzt richtig.
Wusstest du? — Feuer ohne Streichholz
Ein Feuer braucht drei Dinge gleichzeitig: Brennstoff (etwas, das brennt — Holz, Moos, Papier), Hitze (ein Funke oder eine Glut, die das alles anschiebt) und Sauerstoff aus der Luft (deshalb pustet man behutsam ins Feuer). Wenn ein Funke nicht reicht, hilft der »Funkenschlag«: Man schlägt einen harten Stein, oft Feuerstein, gegen Stahl. Dabei spritzt ein winziges glühendes Eisenstückchen ab — das ist der Funke. Fällt er auf trockenen Zunder, ein flauschiges Stück Pflanzenfaser, fängt es an zu glimmen.
Nun gab es Wärme. Pencroff wickelte aus dünnen Lianen eine Schlinge und ließ Harbert sie ihm zeigen. Mit Geduld fingen sie zwei der Felsentauben, die in den Granitlöchern nisteten. Eier sammelten sie dazu. Die Eier schmorten in der heißen Asche, die Tauben drehten sich auf einem Stock über den Flammen.
Sie aßen wenig, aber sie aßen warm. Nab kaute zwei, drei Bissen, dann legte er den Rest beiseite. »Wenn Cyrus zurück ist«, murmelte er, »dann esse ich.«
Niemand widersprach.
Draußen wuchs der Sturm. Der Orkan stieß den Felsen in die Rippen. Regen prasselte auf das Granitdach. Die Brandung rollte Strandsteine wie eine Mühle aus zerbrochenem Glas. Spilett kritzelte ein paar Zeilen in sein Notizbuch, dann fiel ihm der Bleistift aus der Hand und er schlief.
Harbert schlief bald darauf neben dem Herd. Pencroff schob neue Klötze nach. Nab saß draußen in einer geschützten Ecke, das Gesicht zum Meer.

Es musste tief in der Nacht sein, als ein Geräusch Pencroff hochfahren ließ. Der Reporter rüttelte ihn an der Schulter.
»Hören Sie, Pencroff!«
Der Seemann lauschte. Nichts. Nur Sturm. Nur Brandung. Nur Pfeifen.
»Das ist der Wind, Mr. Spilett.«
»Nein. Horchen Sie wieder.«
Eine kurze Atempause des Orkans. Und in dieser Pause — ein Bellen. Weit weg. Aber deutlich.
»Das ist unmöglich«, flüsterte Pencroff.
Wieder ein Bellen. Näher diesmal.
»Top!«, rief Harbert, der eben aufgewacht war. »Das ist Top!«
Sie stolperten zum Ausgang. Pencroff griff sich einen brennenden Zweig und hielt ihn hoch in die Nacht. Er pfiff so laut, wie er konnte. Eine Antwort kam aus dem Dunkel.
Und dann — ein Schatten, vier Pfoten, eine nasse Schnauze. Top sprang in die Höhle.
Harbert warf sich auf den Hund und umarmte ihn. Top wedelte, leckte ihm die Wangen und winselte vor Freude. Pencroff stand wie versteinert. Spilett betrachtete den Hund mit zusammengezogenen Brauen.
»Etwas stimmt nicht«, sagte er leise.
»Was meinen Sie?«, fragte Pencroff.
Der Reporter strich mit der Hand über Tops Rücken. Dann über die Pfoten. Dann über die langen Ohren.
»Schau einmal hin«, sagte er. »Schau ihn an.«
Pencroff schaute. Harbert schaute.
Das Fell war trocken. Die Pfoten waren sauber. Kein Sand. Kein Schlamm. Kein Salz. Mitten im Orkan kam ein Hund daher, der aussah, als wäre er gerade in einem Stall gestriegelt worden.
»Das ist nicht möglich«, flüsterte Harbert. »Bei diesem Wetter . . . wo kommt er her?«
Niemand antwortete. Top sah von einem zum andern. Dann lief er zum Ausgang, kam zurück, sah sie an, lief wieder. Sein Bellen war kurz und drängend.
»Er will uns führen«, sagte Spilett.
»Zu Cyrus?«, flüsterte Harbert.
»Zu Nab vielleicht. Oder . . . zu beiden.«
Pencroff bedeckte die Glut mit Asche. Er nahm die Reste der Mahlzeit und sein bestes Stück Holz als Fackel. Sie traten in die Sturmnacht hinaus.
Der Wind fiel ihnen wie eine Faust ins Genick. Top stand schon ein Stück voraus. Er bellte einmal kurz und rannte in die Dunkelheit. Pencroff schluckte.
»Der weiß etwas«, sagte er. »Etwas, was wir nicht wissen.«
Mini-Rätsel
Drei Dinge braucht ein Feuer, damit es brennt. Brennstoff ist das erste. Welches sind die anderen zwei?
(Auflösung am Buchende.)
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Top rannte voraus wie ein schwarzer Pfeil. Der Wind warf den Männern Regen ins Gesicht. Pencroff stolperte, fluchte leise und stand wieder auf. »Bei den Walen, dieser Hund hat eine Nase!«
Harbert lachte trotz des Sturms. »Schau nur, er weiß genau, wohin!«
Spilett hielt seinen Mantel fest. »Ihm nach. Solange er rennt, hoffe ich.«
Sie folgten dem Hund über nasses Geröll. Der Sand war schwer wie Brei. Möwen schrien hoch über ihnen. Der Mond zeigte sich kurz, dann zog ihn die Wolke wieder weg. Top blieb nicht stehen. Top zögerte nicht. Top wusste.
Nach einer Stunde verließ er den Strand. Er bog landeinwärts, zwischen Dünen aus weißem Sand. Harberts Füße brannten. Pencroffs Bart klebte an seiner Brust. Spiletts Brille war längst voller Salzwasser.
»Eine Meile weit vom Meer?«, murmelte der Reporter. »Was sucht er hier oben?«
Top antwortete mit einem kurzen, klaren Bellen.
Sie kamen zu einer hohen Düne. Dahinter lag eine kleine Mulde, halb von Gras geschützt. Top sprang hinein und winselte. Dann legte er sich neben etwas, das im Dunkeln nicht zu erkennen war.
Nab kniete als Erster nieder.
Sein Schrei zerriss die Nacht. Er war kein Schrei der Angst. Es war ein Schrei wie eine geöffnete Tür.
»Er lebt! Er lebt!«
Da lag Cyrus Smith. Er lag auf einem weichen Bett aus Laub, als hätte ihn jemand sanft hingelegt. Seine Augen waren geschlossen. Seine Brust hob sich kaum.

Spilett legte das Ohr an die Brust des Ingenieurs. Eine Minute verging. Eine lange, leise Minute.
»Er atmet«, sagte er. »Schwach. Aber er atmet.«
Pencroff zog die Mütze ab. Sein großes Gesicht zitterte. »Wasser. Schnell.«
Harbert rannte. Er fand einen kleinen Bach, der vom Regen geschwollen war. Er tauchte sein Taschentuch hinein. Er rannte zurück, ehe das Tuch trocknen konnte.
Spilett tropfte das Wasser auf Cyrus' Lippen. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Ein Seufzer kam aus der Brust des Ingenieurs. Wie das erste leise Knistern eines neuen Feuers.
Nab nahm die Hand seines Freundes. Nab hatte Cyrus Smith gekannt, seit beide Kinder gewesen waren. Er sprach jetzt mit ihm, als wären sie wieder zehn Jahre alt. »Steh auf«, flüsterte er. »Steh auf, Cyrus. Hier sind wir alle.«
Die Augen öffneten sich. Langsam. Grau wie nasser Stein. Sie blickten in die Gesichter ihrer Freunde, eins nach dem anderen. Dann formten sich die Lippen zu einem Wort. Einem einzigen, leisen Wort.
»Insel«, flüsterte Cyrus Smith, »oder Festland?«
Pencroff lachte und weinte zugleich. »Heiliges Tauwerk! Atmet kaum, und denkt schon an Karten!«
»Schlaft, Cyrus«, sagte Spilett warm. »Das wissen wir später.«
Der Ingenieur schloss die Augen wieder. Aber es war kein Sinken mehr. Es war ein Schlafen.
Sie untersuchten ihn vorsichtig. Pencroff erwartete Schrammen, Schnitte, blaue Flecke. Er fand nichts. Kein Riss, kein Kratzer. Die Kleider waren feucht, aber kaum zerrissen.
»Bei den Walen«, murmelte der Seemann. »Wie kommt ein Mann durch die Brandung, ohne dass die Felsen ihn streifen?«
Nab strich seinem Freund über die Stirn. »Frag nicht. Sei dankbar.«
Spilett sah Pencroff lange an. »Ein Mensch in einer Sturzsee, eine Meile weit vom Strand getragen, auf ein Lager aus Laub gebettet — und ringsum kein einziger fremder Schuhabdruck. Nur Tops Pfoten. Nur Cyrus' eigene Stiefel.«
Harbert hob den Kopf. »Aber wer denn? Wer hat das getan?«
Niemand antwortete. Top legte sich quer vor seinen Herrn, wie eine schwarze Wache.
Sie bauten eine Tragbahre aus Ästen. Sie legten Laub darauf, ganz weich. Vorsichtig hoben sie Cyrus Smith. Der Sturm hatte sich gelegt; ein blasses Morgenlicht kroch über die Dünen.
Der Weg zurück war lang. Pencroff trug das eine Ende. Nab das andere. Harbert sammelte unterwegs schwarze Beeren in seine Mütze. Spilett ging neben dem Schläfer und beobachtete jeden Atemzug.
Doch als sie endlich die Kamine erreichten, blieb der Seemann wie angewurzelt stehen.
Tang lag am Eingang. Algen klebten am Felsen. Das Meer war in der Nacht bis hierher gestiegen.
Pencroff sprang in die Höhle. Sekunden später kam er heraus. Sein Gesicht war grau wie der Stein.
»Das Feuer«, sagte er heiser, »ist erloschen. Die Asche ist Schlamm. Die Lunte ist fort.«
Harbert sah zu Boden. Nab biss sich auf die Lippe. Spilett presste die Lippen zusammen.
Pencroff setzte sich auf einen Stein und legte den Kopf in die Hände. »Kein Streichholz mehr. Kein Funke. Kein Feuerstein, der zündet.« Er sah hoch. »Wir haben Cyrus. Aber wir haben keinen Funken.«
Nab antwortete leise und fest. »Wir haben Cyrus. Das ist mehr als ein Funke.«

Sie betteten den Ingenieur in den geschütztesten Winkel der Höhle. Sie deckten ihn mit ihren Jacken zu. Nab kniete neben ihm und summte ein altes Lied aus Richmond.
Stunden später öffnete Cyrus Smith wieder die Augen. Seine Stimme war stärker als am Strand.
»Was bedrückt euch?«, fragte er.
Pencroff erzählte. Vom Sturm, vom Streichholz, vom Feuer, vom Meer, das alles zerstört hatte.
Cyrus Smith hörte ruhig zu. Dann lächelte er. Es war ein kleines Lächeln, aber es wärmte mehr als jede Asche.
»Gib mir deine Uhr, Spilett«, sagte er. »Und meine eigene.«
Der Reporter reichte ihm seine Uhr. Cyrus zog seine Westentasche auf. Auch dort lag sie noch, eine kleine runde Taschenuhr.
»Schau einmal hin, Harbert«, sagte Cyrus.
Mit ruhigen Fingern öffnete der Ingenieur beide Uhren. Er löste die runden Gläser heraus, die das Zifferblatt bedeckten. Zwei kleine, leicht gewölbte Scheiben lagen vor ihm.
»Wasser, Harbert. Klares Wasser. Nur einen Fingerhut voll.«
Harbert brachte es in einer Muschel. Cyrus legte das eine Uhrglas auf den anderen — Wölbung gegen Wölbung. So entstand eine kleine Schale. In diese Schale füllte er das Wasser. Mit einem feuchten Grashalm dichtete er den Rand.
»Was tust du da?«, flüsterte Pencroff.
»Eine Linse«, sagte Cyrus. »Das Wasser zwischen den beiden Gläsern ist wie eine dicke Glasscheibe. Dicker in der Mitte, dünner am Rand. Sonnenlicht, das hindurchgeht, wird auf einen einzigen Punkt gebogen.«
Er sammelte trockenes Moos. Er sammelte feine, vom Bach getrocknete Halme. Er trug alles in den Sonnenstreifen, der durch die Felsspalte fiel.
Dann hielt er die Wasserlinse darüber. Vorsichtig. Geduldig.
Ein winziger heller Punkt erschien auf dem Moos. Heller. Heller. Heller, als wäre die Sonne selbst in einen Nadelkopf gewandert.
Ein dünnes Fädchen Rauch kräuselte sich hoch.
Nab rief: »Bei Cyrus' guter Laune!«
Pencroff schlug sich auf den Schenkel. »Heiliges Tauwerk! Das nenn ich Wind!«
Harbert kniete und blies vorsichtig. Sehr vorsichtig. So, wie er es schon einmal getan hatte. Ein kleines Flämmchen huschte über das Moos. Es fasste die Halme. Es wuchs.
Wusstest du? — Wie Wasser Feuer macht
Eine Linse ist ein Glasstück, das in der Mitte dicker ist als am Rand. Sonnenstrahlen, die durch sie hindurchgehen, werden gebeugt und treffen sich alle in einem einzigen Punkt — dem Brennpunkt. Dort wird es so heiß, dass trockenes Moos Feuer fängt. Cyrus baute seine Linse aus zwei Uhrgläsern mit Wasser dazwischen. Wasser wirkt fast wie Glas: es bricht das Licht. Auch ein Tropfen Tau auf einem Blatt kann an einem heißen Tag ein Loch ins Blatt brennen — darum gießt man Pflanzen nicht in der Mittagssonne.
Pencroff legte trockene Tannenzweige nach. Der Rauch wurde dichter. Bald flackerte ein echtes Feuer in den Kaminen, größer als das erste, und es leuchtete in die feuchten Wände hinein wie eine kleine, treue Sonne.
Cyrus Smith setzte sich an den Felsen und sah ins Feuer. Lange. Sehr lange.
Top legte sich an seine Seite.
Der Ingenieur strich dem Hund über den Kopf. »Du hast mich aus dem Wasser gezogen, mein Tapferer. Aber wer hat mich auf das Laub gelegt? Eine Meile vom Strand? Auf ein Bett, weicher als jedes Bett, das ich kenne?«
Er sprach es leise. Fast zu sich selbst.
Spilett sah ihn an. Pencroff schwieg. Harbert hielt die Luft an. Nab sah ins Feuer.
»Wer hat mich gerettet?«, sagte Cyrus Smith.
Niemand wusste eine Antwort.
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Das neue Feuer in den Kaminen knisterte leise. Cyrus saß lange davor und sagte nichts. Pencroff sah ihn von der Seite an. »Mr. Cyrus, was beschäftigt Sie?«
»Eine Frage«, sagte Cyrus. »Aber sie kann warten.« Er hob den Kopf und schaute zum dunklen Felsspalt hinaus. »Was beschäftigt mich? Ein einziges Wort: Insel. Oder Festland?«
Spilett klappte sein Notizbuch zu. »Und wie wollen Sie das herausfinden?«
»Wir steigen hinauf«, sagte Cyrus. »Auf den Berg im Nordwesten. Von oben sieht man weit.«
Pencroff schlug sich aufs Knie. »Heiliges Tauwerk! Das nenn ich einen Plan.«

Am Morgen des 29. März brachen sie auf. Es war halb acht, und die Luft roch nach nassem Moos. Jeder trug einen Stock. Spilett hatte Zunder aus angesengtem Leinen in der Tasche. Top lief voraus und schnüffelte an jedem Stein.
Sie folgten dem Fluss bis zur Biegung. Dann führte ein schmaler Wildpfad in den Wald. Harberts Augen leuchteten. »Schaut! Da ist eine Spur. Etwas Großes ist hier gegangen.«
»Solange es nicht zurückkommt«, brummte Pencroff.
Sie stiegen sanft an. Bald wurde der Boden anders. Es knirschte unter den Sohlen wie zerbrochenes Glas.
»Vulkanischer Boden«, sagte Cyrus. »Hier hat einmal ein Berg geatmet.«
»Geatmet?«, fragte Harbert.
»Ein Vulkan atmet«, sagte Cyrus ruhig. »Tief unten ist es glühend. Wenn der Druck zu groß wird, drückt es nach oben.«
Pencroff hob einen löchrigen, leichten Stein auf. »Der wiegt ja gar nichts.«
»Bimsstein«, sagte Harbert. »Erstarrter Schaum aus dem Berg.«
Höher oben wurde es kühler. Zwischen den letzten Tannen sprangen plötzlich Vögel auf, prächtig rot, weiß gepunktet. »Tragopane!«, rief Harbert. »Bergfasane!« Spilett warf einen Stein, geschickt wie ein Kind beim Murmelspiel. Ein Vogel fiel. »Heute Abend rosten wir den«, grinste Pencroff.
Bald darauf standen sechs braune Tiere wie versteinert zwischen den Felsen. Sie hatten geschwungene Hörner und ein dichtes, weiches Fließ.
»Schafe!«, rief Pencroff begeistert.
»Mufflons«, lachte Harbert. »Wilde Schafe. Sie leben in den Bergen.«
»Schafe sind Schafe«, sagte Pencroff. »Hauptsache, sie schmecken.«
Die Tiere stoben davon. »Auf Wiedersehen!«, rief Pencroff ihnen nach. Selbst Cyrus musste lächeln.
Der Weg wurde steiler. Aus Spalten zischte gelblicher Dampf. Es roch nach faulen Eiern.
»Was stinkt da?«, ächzte Nab.
»Schwefelquellen«, sagte Cyrus. »Der Berg flüstert noch. Tief unten ist er nicht ganz still.«
Sie umgingen die Dampfstellen vorsichtig. Gegen Abend erreichten sie eine breite ringförmige Stufe, hoch über dem Wald. Hier wollten sie schlafen. Nab und Harbert sammelten Moos und dürre Äste. Pencroff schichtete einen kleinen Herd aus Steinen. Funken sprangen, Zunder glomm, eine Flamme leckte hoch.
»Bei den Walen«, murmelte Pencroff. »So weit oben, und wir sitzen am Feuer wie zu Hause.«
Wusstest du? — Wie ein Vulkan »atmet«
Tief unter einem Vulkan ist das Gestein heißer als ein Schmiedeofen. Es ist flüssig und glüht. Das nennt man Magma. Wenn der Druck zu groß wird, drückt das Magma nach oben — durch eine Öffnung, den Krater. Oben angekommen heißt es Lava und fließt langsam wie heißer Brei den Berg hinunter. Beim Abkühlen wird die Lava wieder Stein. Manchmal schäumt sie und erstarrt zu Bimsstein — so leicht, dass er auf Wasser schwimmt.
Cyrus aber hielt es nicht aus. Er wollte sehen, ob sich der zweite, höhere Kegel ersteigen ließ. Mit Harbert wanderte er um die Stufe. Nach kurzer Zeit fanden sie eine Öffnung im Berg — eine Art Schlund, mit breiten Stufen aus erstarrter Lava.
»Eine Treppe«, flüsterte Harbert. »Eine Treppe aus Stein.«
Sie kletterten. Über ihnen öffnete sich der Himmel mehr und mehr. Sterne traten hervor, fremde, helle Sterne. Harbert hob den Kopf. »Schau, Mr. Cyrus — das ist nicht unser Polarstern.«
»Nein«, sagte Cyrus. »Das ist das Kreuz des Südens. Wir sind weit von zu Hause.«
Oben am Kraterrand zog der Mond eine schmale Sichel über den Horizont. Sein Licht zitterte auf — Wasser. Überall Wasser. Cyrus nahm Harberts Hand. Er sagte es leise, fast feierlich.
»Es ist eine Insel.«
Sie stiegen wieder ab. Im Lager wachten die anderen. »Insel«, sagte Cyrus nur. Niemand sprach lange. Dann legten sie sich ins Moos. Das Feuer knisterte. Top schmiegte sich an Harberts Bein.

Am 30. März stiegen sie alle gemeinsam zum oberen Gipfel. Die Sonne war groß und warm. Oben angekommen, drehten sie sich langsam im Kreis.
»Das Meer«, flüsterte Nab. »Überall das Meer.«
Es war wahr. Kein anderes Land. Kein Segel. Nur Wasser, glitzernd bis an den Rand der Welt.
Spilett legte das Notizbuch aufs Knie und zeichnete. Cyrus zeigte mit dem Finger. »Schaut. Im Nordwesten der Vulkan, auf dem wir stehen. In der Mitte ein See, wie ein blauer Spiegel. Im Osten eine weite Bucht. Im Süden eine lange Halbinsel, schmal wie ein Schwanz.«
»Schwanz?«, fragte Pencroff.
»Schaut genau hin«, sagte Spilett. Er drehte das Blatt. »Seht ihr, was da liegt?«
Alle beugten sich über die Zeichnung. Harbert kicherte. »Es sieht aus wie ein Tier!«
»Ein liegendes Tier«, sagte Cyrus. »Mit ausgebreiteten Flügeln. Es schläft auf dem Meer.«
Mini-Rätsel
Die Insel sieht aus wie ein liegendes Tier mit Flügeln. Welches Tier könnte es sein? Vergleicht mit der Karte am Buchanfang!
(Auflösung am Buchende.)
Sie gaben Namen. Aus Dankbarkeit, nicht aus Stolz.
»Der Berg, auf dem wir stehen, heiße Berg Franklin«, sagte Cyrus. »Der See unten — Grant-See. Die große Bucht im Osten — Union-Bucht. Der Fluss, der uns Wasser gibt und in dessen Nähe wir gerettet wurden — die Mercy. Das heißt Dank.«
»Ein guter Name«, sagte Spilett leise.
»Und die Spitze im Südosten?«, fragte Nab.
»Sie sieht aus wie eine Kralle«, sagte Pencroff.
»Krallenkap«, lachte Nab. »Da ich mitgetauft habe, gehört es mir ein bisschen.«
»Der Golf im Nordosten gleicht einem geöffneten Maul«, sagte Harbert. »Voller Zähne. Haifischgolf!«
»Und der lange Schwanz«, sagte Spilett, »die Schlangenhalbinsel.«
Sie tauften, bis alle namhaften Stellen einen Namen trugen. Zuletzt schwieg Pencroff plötzlich.
»Was ist?«, fragte Spilett.
»Die Insel selbst«, sagte Pencroff. »Wir haben sie vergessen.«
Cyrus schaute ins Land hinab, lange. Dann sagte er: »Sie soll Insel Lincoln heißen. Nach einem Mann, der für Gerechtigkeit kämpft. Damit wir uns erinnern, dass es Menschen gibt, die für andere einstehen.«
Niemand widersprach. Es war beschlossen.
Sie standen noch eine Weile still. Der Wind strich ihnen durchs Haar. Harbert dachte an seine Mutter, weit fort. Nab legte Cyrus die Hand auf die Schulter, ganz kurz, ganz leicht.
Pencroff schaute zum Horizont. Sein Bart bewegte sich im Wind. »Dann sind wir die ersten Bewohner dieser Insel«, sagte er.
Niemand widersprach.
Niemand ahnte, dass jemand schon dort war.
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»Womit fangen wir an, Mr. Cyrus?« fragte Pencroff am Morgen.
»Mit dem Anfang«, sagte Cyrus leise.
Der Anfang, das hieß: alles. Sie hatten keine Messer, keine Nägel, keinen Topf. Nicht einmal eine Schere. Der Wind strich kühl durch die Kamine. Im Sand glitzerten Salzkörner wie kleines Glas.
Pencroff seufzte tief. »Heiliges Tauwerk. Wenn ich nur ein einziges Messer hätte!«
»Und dann?« fragte Cyrus.
»Dann hätte ich bis zum Mittag einen Bogen geschnitzt. Und Pfeile dazu.«
Cyrus sah Top an, der am Ufer hin und her sprang. Plötzlich leuchteten seine Augen auf. »Top, hierher!«
Der Hund kam und legte den Kopf zwischen Cyrus' Knie. Mit ruhigen Fingern löste Cyrus das Halsband. Es war ein schmaler Streifen aus gehärtetem Stahl. Er bog ihn, drückte fester, knickte ihn in zwei Stücke.
»Da, Pencroff. Zwei Klingen.«
Der Seemann stand mit offenem Mund. Dann lachte er laut. »Bei den Walen! Ein Hund liefert uns die Werkstatt!«
Top bellte, als hätte er das verstanden.
Zwei Stunden schliffen sie die Stücke auf grobem Sandstein. Funken sprühten nicht, aber der Stahl wurde scharf. Sie wickelten Lederfetzen um die Griffe. Zwei Messer, blank und ernsthaft. Die Kolonie hatte ihr erstes Werkzeug.

Harbert sprudelte schon los. »Schaut! Drüben wachsen Bäume mit langen, geraden Zweigen. Die Indianer Nordamerikas machen daraus Bögen!«
»Du hast recht«, sagte Cyrus. »Such uns die besten heraus.«
Pencroff schnitzte am Bogen, bis das Holz federte wie eine müde Welle. Harbert fand eine Pflanze mit zähen Fasern. »Wie Sehne, nur grün!« Er drehte die Fasern, bis sie hielten.
Am Strand fingen sie ein Stachelschwein in einer einfachen Schlinge — Top hatte es aufgespürt. Aus seinen Stacheln wurden Pfeilspitzen, aus Kakadufedern Pfeilfahnen. Pencroff wog den fertigen Bogen in der Hand und grinste. »Heute essen wir nicht nur Muscheln.«
Aber Cyrus hatte schon den nächsten Plan im Kopf.
»Wir brauchen Töpfe«, sagte er. »Und für Töpfe brauchen wir einen Ofen. Und für einen Ofen brauchen wir Ziegel. Und für Ziegel brauchen wir Lehm.«
»Heiliges Tauwerk«, murmelte Pencroff, »alles braucht etwas, das man nicht hat.«
»Doch«, sagte Nab fröhlich. »Am See habe ich gestern Lehm gesehen. Fett und gelb. Den nimmt man gut in die Hand.«
»Bei Cyrus' guter Laune«, lachte Nab beim Gehen, »wir werden Töpfer!«
Sie wanderten zum Grant-See. Am Westufer fanden sie eine breite Lehmschicht, weich wie Brotteig. Nab kniete nieder, mischte Sand hinein und knetete mit Händen und Füßen, bis die Masse glatt war.
»So wird der Stein nicht zu fett«, erklärte er Harbert. »Sonst springt er beim Brennen.«
»Woher weißt du das?«
»Aus meiner Kindheit. Wir haben Lehmöfen gebaut, Cyrus und ich. Mit zehn Jahren.« Nab zwinkerte.
Sie formten die Ziegel mit bloßen Händen. Zweitausend, dreitausend Stück. Reihe an Reihe trockneten sie an der Sonne. Dann schichteten sie die Ziegel zu einem großen Würfel — Luftlöcher in den Seiten, Reisig im Inneren. Es war ein Ofen, der sich selbst brennen sollte.
Am Abend zündeten sie das Reisig an. Die Flammen sprangen, zischten, leckten an den Lehmsteinen. Rauch stieg gerade in den Sternenhimmel. Niemand legte sich schlafen.
Nab beobachtete die Glut mit gerunzelter Stirn. Dann ging er um den Ofen herum, klopfte hier, stocherte da. Plötzlich rief er: »Cyrus! Schau! Das Loch im Norden — der Wind zieht falsch hinein. Wenn wir es enger machen, brennt es heißer.«
Cyrus kam, betrachtete, nickte. »Du hast scharfe Augen.«
Sie verkleinerten das Zugloch mit feuchtem Lehm. Sofort wurde die Glut weißer, atmete tiefer. Ein leises Singen ging durch die Steine. Nab strahlte.
»Daran hätte ich nicht gedacht«, sagte Cyrus. »Gut, dass du da bist.«
Zwei Tage und Nächte glühte der Ofen. Als er kühl wurde, lagen die Ziegel hart und rotbraun in der Asche. Sie klangen wie Glocken, wenn man sie aneinander schlug.
Aus den Ziegeln bauten sie einen richtigen Brennofen mit Schornstein. Sie brannten Töpfe, Krüge, Teller, Tassen. Die Formen waren schief, aber das machte nichts. Erstmals brodelte eine Suppe über dem Feuer der Kamine. Pencroff zog die Mütze und hielt sie über den Topf wie über eine Wiege.
»Brüder«, sagte er feierlich, »das ist Musik.«
Doch der Hunger nach Werkzeug war größer als der Hunger nach Suppe. Cyrus' Taschen waren voll mit Steinen — Stücke vom Berg Franklin. Magneteisenstein nannte er den dunkelsten. »Im roten Stein steckt Eisen«, sagte er zu Harbert. »Verborgen, aber wartend. Wir müssen es nur herauslocken.«
»Wie locken?«
»Mit Feuer und Kohle. Sehr viel Feuer.«
Sie zogen los — sechs Meilen weit, bis zu den Hängen, wo der Eisenstein offen lag und ein schwarzes Kohlelager daneben. Sie schlugen Hütten aus Zweigen und blieben gleich an Ort und Stelle.
Aber ein Blasebalg fehlte. »Aus was?«, fragte Pencroff.
Cyrus dachte nach. »Aus Robbenfell. Drüben am Eiland liegen welche in der Sonne.«
Aus zwei Robbenfellen — gesammelt, ohne Tier zu quälen, mit knappen Schlägen — nähten sie zwei große Säcke. Sie spannten sie auf Holzrahmen, banden ein Tonröhrchen ein, hängten Gegengewichte an. Wenn man die Bälge auf- und niederdrückte, blies Luft durch das Röhrchen. Stark genug, dass die Asche flog.

Dann türmten sie das Erz mit der Kohle auf — Schicht für Schicht, wie ein Köhler. Das Feuer fraß sich von unten hinauf. Die Bälge pumpten. Das Erz zischte. Es roch nach Schwefel und Gewitter.
Stunden vergingen. Plötzlich tropfte etwas Helles aus der glühenden Masse — kein Stein mehr, ein dunkler, schwerer Brocken. Eisen. Echtes Eisen.
»Bei den Walen«, flüsterte Pencroff, und seine Stimme war kleiner als sonst.
Nab griff einen grünen Stock, hob den heißen Klumpen heraus und legte ihn auf einen Granitblock. Pencroff schlug zu. Funken sprühten wie sehr eiliges Sternenlicht. Schlag um Schlag wurde der Klumpen flacher, sauberer, härter.
Aus Eisen machten sie Stahl, indem Cyrus ihn mit Kohlenpulver noch einmal in den Tiegel legte. Dann tauchte er die rotglühenden Klingen in kaltes Wasser. Es zischte wie eine ganze Schlangengrube.
»Härten nennt man das«, sagte er. »Jetzt schneiden sie wie Sonnenlicht.«
In wenigen Tagen lag eine ganze Werkstatt vor ihnen: Hämmer, Beile, Meißel, Spaten, ein kleines Sägeblatt, Nägel. Nab und Pencroff schmiedeten Seite an Seite, schwarz im Gesicht und stolz wie zwei Könige.
Wusstest du? — Vom Erz zum Stahl
In manchen Steinen steckt Eisen, ganz fein zwischen anderen Stoffen versteckt. Wenn man sie mit Kohle in einem heißen Ofen brennt, frisst die Glut den Sauerstoff weg — und übrig bleibt ein dunkler Klumpen reines Eisen. Den schlägt der Schmied mit dem Hammer flach, faltet ihn, schlägt wieder. So wird er sauber und stark. Gibt man noch etwas Kohle dazu, entsteht Stahl: härter als Eisen. Taucht man ihn rotglühend in kaltes Wasser, wird er noch zäher. Das heißt »härten«.
Erfinder-Steckbrief — Henry Bessemer
Lebte: 1813–1898 Erfindung: ein Verfahren, das Stahl plötzlich billig machte Geschichte: Lange war Stahl etwas Kostbares — gut für Klingen, aber viel zu teuer für große Sachen. Um 1855 hatte ein Engländer namens Henry Bessemer eine kühne Idee: Er blies Luft durch flüssiges Roheisen, mitten in der Glut. Das klang verrückt, und alle lachten. Aber es klappte. Plötzlich konnte man Stahl in großen Mengen herstellen. Schon wenige Jahre später bauten Menschen damit lange Eisenbahnschienen, hohe Brücken und riesige Schiffe. Henry Bessemers Funkenfeuer veränderte die ganze Welt.
Am letzten Abend in der Werkstatt-Hütte stand Pencroff zufrieden am Feuer. Spilett notierte alles in sein Heft. Nab summte leise, ein altes Lied aus Cyrus' Kindheit. Top lag zwischen den Beinen seines Herrn.
Da knackte etwas im Dickicht.
Es war kein Vogel. Es war kein Wind.
Alle drehten den Kopf.
Zwischen zwei Bäumen, tief im Schatten, schimmerten zwei gelbe Augen. Groß. Wachsam. Sie standen ruhig wie zwei kleine Monde.
Spilett griff blitzschnell nach dem Bogen. Er spannte die Sehne. Sie knirschte leise.
Niemand atmete.
Die Augen blinzelten einmal. Sie senkten sich. Dann waren sie weg, lautlos, als hätte der Wald sie eingesaugt.
Spilett senkte den Bogen langsam.
»Was war das?«, flüsterte Harbert.
»Ein großes Tier«, sagte Cyrus ruhig. »Es hat unseren Geruch genommen. Mehr nicht.«
Pencroff aber senkte seinen Bogen nicht. Er starrte ins Schwarze, wo eben noch die Augen gestanden hatten.
»Wir sind nicht allein im Wald«, murmelte er.
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Der Morgen roch nach feuchtem Laub. Über den Kaminen hing eine dünne Wolke aus Frühnebel. Pencroff stand am Strand und kniff die Augen zusammen.
»Heiliges Tauwerk«, brummte er. »Der Winter hat schon den Mantel ausgepackt.«
Cyrus Smith trat neben ihn. Er sah hinauf zum Plateau. »Wir brauchen ein anderes Haus«, sagte er ruhig. »Die Kamine sind nass, wenn das Meer drückt.«
»Und kalt«, ergänzte Nab. Er rieb sich die Hände. Seine Schürze war steif vor Lehmstaub.
»Dann bauen wir«, sagte Pencroff und reckte das Kreuz. »Wir sind Maurer, Schmiede und alles dazwischen.«
Cyrus lächelte. »Vielleicht baut die Natur schon für uns. Wir gehen zum See.«
Harbert sprang auf. »Schau! Top will sowieso laufen.«
Der Spaniel wedelte am Stiefel des Ingenieurs. Seine weiße Brust glänzte. Sie nahmen Bogen, Pfeile und eisenbeschlagene Stöcke und stiegen den Abhang hinauf.
Oben empfing sie der Grant-See wie ein blanker Spiegel. Kakadus schrien in den Wipfeln, ein Schwarm flatterte wie ein lebendiger Regenbogen vorbei. Pencroff blieb stehen und pfiff anerkennend.
»Bei den Walen«, sagte er. »Hier wohnen Vögel wie Lords.«
»Hört her«, sagte Cyrus. »Der Rote Fluss schüttet ständig Wasser hinein. Aber wo läuft es wieder hinaus?«
»Vielleicht durch den Boden?« fragte Harbert.
»Das fragen wir den See«, sagte Cyrus.
Sie umrundeten das Ufer langsam. Spilett kritzelte in sein Notizbuch. Nab brach Schilf und prüfte den Boden. Top schnüffelte. Plötzlich blieb der Hund stocksteif stehen. Er hob die rechte Pfote. Ein Knurren rollte aus seiner Kehle.
»Was hat er?« fragte Spilett.
»Etwas im Wasser«, flüsterte Harbert.
Da bellte Top wütend. Bevor jemand zugreifen konnte, sprang er in den See.
»Top! Hier!« rief Cyrus.
Der Hund schwamm in einem hellen Kreis aus Wellen. Plötzlich teilte sich das Wasser. Ein riesiger Kopf tauchte auf. Glatte, dunkle Haut. Große, traurige Augen. Über der Schnauze zwei tiefe Nasenlöcher.
»Ein Dugong!« flüsterte Harbert. »Wie eine sanfte Seekuh — aber so groß!«
Das Tier bewegte sich nicht sanft. Es stieß auf den Hund zu. Top quiekte. Dann zog ihn etwas hinunter. Wasser klatschte über die beiden.
»Top!«, schrie Nab. Er hob seinen Spieß.
»Nein, Nab!« Cyrus hielt seinen Freund am Arm fest. »Das Wasser ist nicht unser Element.«
Sie standen am Ufer. Niemand atmete. Unter dem Spiegel wirbelte und brodelte es. Schaum stieg auf. Dann ein Strudel, breit wie ein Wagenrad. Dann noch einer.
»Da unten kämpft jemand«, sagte Pencroff heiser. »Aber gegen wen?«
»Gegen etwas«, sagte Spilett.
Plötzlich schoss Top aus dem Wasser. Nicht gepaddelt — geschleudert. Hoch flog er, beinahe drei Männerlängen, und klatschte zurück. Im nächsten Augenblick stand er triefend am Ufer. Er schüttelte sich. Er war heil.
»Wie . . . ?« stammelte Harbert.
Niemand antwortete. Der Wirbel hielt an. Dann färbte sich die Wasserfläche dunkel. Und still. Etwas Großes trieb empor: der Dugong. Bewegungslos. Tot.
Die fünf Männer standen lange schweigend. Nab strich Top über das nasse Fell.
»Er hat eine Wunde«, sagte Pencroff leise. »Wie von einer Klinge.«
»Eine Klinge«, wiederholte Spilett. »Mitten im See.«
Cyrus sah auf das Wasser. Seine Stirn lag in Falten. Aber er sagte nichts. Nur Spilett, der nah genug stand, hörte ihn flüstern:
»Wer hat mich aus den Wellen gezogen? Und wer war hier? Vielleicht — derselbe.«
Sie sahen einander an. Den anderen sagten sie nichts davon.

Am nächsten Morgen ging Cyrus mit Spilett zurück zum See. Er warf kleine Holzstücke ins Wasser. Sie trieben — nach Süden. Immer schneller.
»Eine Strömung«, sagte Cyrus. »Da läuft das Wasser ab.«
An der Südspitze drückte er das Ohr auf den Stein. Tief unten rauschte es. Ein Flüstern aus dem Granit.
»Hier unten gibt es einen Gang«, sagte er. »Vielleicht eine Höhle. Vielleicht unser Haus.«
»Und wie kommen wir hinein?« fragte Spilett.
Cyrus richtete sich auf. »Wir senken den See. Wir sprengen den Felsenrand.«
»Sprengen?« Spilett hob die Augenbrauen.
»Ich kenne das Rezept aus meinen Büchern«, sagte Cyrus leise. »Es wird gefährlich. Aber es wird gelingen.«
In den nächsten Tagen ging es zu wie in einer geheimnisvollen Werkstatt. Cyrus sprach von »Stoffen«, von »Säuren« und »Salzen«. Pencroff verstand jedes dritte Wort. Aber er sah, was geschah. Toneisenstein wurde zu glühenden Halden geschichtet. Algen verbrannten, bis ihre Asche grauweiß zusammenbackte. Dugongfett brodelte in tönernen Krügen. Harbert fand am Fuß des Berg Franklin ein Salz, das wie weißer Schnee in den Spalten saß: Salpeter.
»Mr. Cyrus, was kochen Sie da?« fragte Pencroff schließlich.
»Etwas, das den Felsen aufweckt«, sagte Cyrus.
Am elften Tag stand er allein, fern von den anderen. In seinen Händen hielt er einen kleinen Krug. Darin schwappte eine gelbliche, ölige Flüssigkeit.
»Hier ist es«, sagte er, als er zurückkam. »Nitroglyzerin.«
Pencroff sah den Krug misstrauisch an. »Das? Sieht aus wie schlechtes Lampenöl.«
»Es hat die Kraft eines kleinen Vulkans«, sagte Cyrus. »Pass auf, dass du keinen Tropfen verschüttest.«
Wusstest du? — Wozu Menschen sprengen
Berge sind hart. Aber Menschen wollen Tunnel durch sie graben, Wege bauen, Erz aus Bergwerken holen und Steinbrüche öffnen. Mit Spitzhacken allein dauert das ein Leben lang. Darum erfanden Forscher Sprengstoffe: Stoffe, die mit einem lauten Knall den Felsen brechen, ohne dass Menschen sich krummschlagen müssen. Niemals macht man so etwas selbst — es ist viel zu gefährlich. Aber Bewunderung darf man haben: Aus Wissen wird Wirkung. Aus klugen Büchern werden neue Wege durch die Welt.
Erfinder-Steckbrief — Alfred Nobel
Lebte: 1833–1896 Erfindung: das Dynamit Geschichte: Alfred Nobel war ein schwedischer Forscher und sehr neugierig. Das Nitroglyzerin, das schon zu seiner Zeit bekannt war, machte ihm Sorgen — es war so kribbelig, dass es bei kleinster Erschütterung losging. Nobel fand einen Weg, es zu zähmen: Er mischte es mit einer porösen Erde, und heraus kam ein fester Stoff, den man sicherer benutzen konnte. Das nannte er Dynamit. Sein Leben lang dachte er aber auch über den Frieden nach. In seinem Testament stiftete er einen Preis, der bis heute seinen Namen trägt: den Nobelpreis.
Am Morgen des Sprengtages bohrte Pencroff ein tiefes Loch in den Felsen am Ostufer. Cyrus füllte es vorsichtig. Über der Mine hängte er ein schweres Stück Eisen an einer Faser auf. Ein langer, geschwefelter Faden lag wie eine schlafende Schlange auf dem Stein.
»Wenn der Faden brennt, reißt das Eisen ab«, erklärte Cyrus. »Es fällt — und dann passiert es. Wir müssen weit weg sein.«
Sie liefen zu den Kaminen zurück. Pencroff hielt die Mütze fest. Harbert lachte vor Aufregung. Top trottete dicht neben Cyrus.
»Wie lange?« flüsterte Nab.
»Ein Vierteltag wartet eine Möwe auf einen Fisch«, sagte Pencroff. »Mehr brauchen wir auch nicht.«
Dann kam der Schlag.
Die Insel zuckte. Die Luft knirschte. Felsen flogen wie Krähen in den Himmel. Sogar die Kamine wankten. Pencroff fiel auf ein Knie.
»Bei allen Walen!« schrie er. »Mr. Cyrus, Sie sind ein Magier!«
Sie rannten zurück aufs Plateau. Schon von weitem hörten sie ein neues Geräusch — ein Tosen, das es vorher nicht gegeben hatte. Der See hatte einen Mund gefunden. Über die geneigte Fläche schoss ein silberner Fluss, stürzte über die Klippe und fiel in einem rauschenden Schleier ins Meer hinunter. Ein neuer Wasserfall, so hoch wie zwanzig Häuser übereinander.
»Hurra!« schrie Harbert. »Drei Mal Hurra!«
Das Wasser im See sank langsam. Und mit ihm zeigte sich am Granitufer ein dunkler Schlund. Die alte Abflussöffnung. Trocken nun und offen.
Sie holten Fackeln, Stricke und Hacken und stiegen hinein.
Der Gang roch nach altem Stein. Top trabte voran. Seine Pfoten klickten auf glattem Boden. An den Wänden glitzerten Tröpfchen wie kleine Sterne. Cyrus hielt sich an einem Seil mit den anderen verbunden — wie Bergsteiger in den Alpen.
»Schau nur«, flüsterte Harbert. »Wie eine Kirche im Berg.«
Sie kletterten tiefer und tiefer. Hundert Schritt unter dem See blieb Cyrus stehen. Top war verschwunden. Aus der Tiefe hörten sie ihn bellen — wild, drängend.
»Vorwärts«, sagte Cyrus.
Der Gang weitete sich. Plötzlich öffnete sich vor ihnen eine gewaltige Halle. Die Fackeln tasteten an Säulen empor. Granitpfeiler trugen Bögen, hoch wie acht Männer übereinander. Spitzbögen, Rundbögen, alles wie aus einer großen, geheimnisvollen Kirche.
Nab nahm die Mütze ab.
»Bei Cyrus' guter Laune«, hauchte er. »Das ist . . . ein Palast.«
»Eine Kathedrale«, flüsterte Spilett. »Aus dem Berg gewachsen.«
Pencroff drehte sich langsam im Kreis. Sein Bart roch nach Schwefel und Stein.
»Das nenn ich Wohnung«, sagte er endlich. »Hier passt eine Familie und ein Schiff.«
Cyrus sah die anderen an. Sein Lächeln war ganz leise.
»Das ist es«, sagte er. »Hier wohnen wir. Das nennen wir das Granithaus.«
Sie schlugen mit der Hacke an die Vorderwand. Nach zwei Stunden brach das Werkzeug durch — und Licht strömte herein. Vor ihnen lag der Strand, das Eiland, das endlose Meer. Hoch über der Brandung.
Doch Top stand abseits, am Rand eines tiefen Schachts. Er winselte. Er sah Cyrus an, ganz lange. Als wollte er etwas sagen.
Cyrus kniete sich hin. Er warf einen brennenden Zweig in den Schacht. Tief, tief fiel die Flamme. Ein leises Zischen — Wasser. Meereswasser, unten im Berg.
Cyrus richtete sich auf. Spilett trat neben ihn. Niemand sprach.
»Da unten«, sagte Cyrus schließlich, »ist mehr als nur Stein.«
Top legte den Kopf schief. Und winselte noch einmal.

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Top winselte am Schacht. Sein Knurren rollte tief aus der Brust. Cyrus kniete neben ihm und legte die Hand auf das warme Fell. Aus dem dunklen Loch im Granit stieg kühle, salzige Luft.
»Ruhig, mein Freund«, sagte Cyrus leise. »Du hörst etwas. Aber wir hören es nicht.«
Spilett trat näher und hielt die Kerze tiefer. Das Licht zitterte. Unten — sehr weit unten — gluckste Wasser an Stein. Sonst nichts. Top sah Cyrus an, als wolle er sagen: Glaub mir.
»Lass ihn knurren«, brummte Pencroff vom Küchenfeuer her. »Solange er nicht hineinfällt.«
Nab schob eine Bohle quer über die Öffnung. »So«, sagte er. »Jetzt fällt niemand.« Top legte sich davor und ließ die Schnauze auf die Pfoten sinken. Aber seine Ohren blieben gespitzt.

Sie arbeiteten den ganzen Mai. Aus Lehm wurden Ziegel, aus Ziegeln wurden Wände. Pencroff drehte aus zähen Pflanzenfasern eine Strickleiter. Hundert Sprossen, jede aus rotem Zedernholz. Auf halber Höhe ein Felssims als Rastplatz.
»Wohnung im fünften Stock«, lachte Pencroff. »Mit Aussicht auf den Pazifik. Das ist mir lieber als jeder Palast.«
Sie schlugen fünf Fenster in den Granit. Eine Tür. Eine schmale Luke für Tops kleine Späher-Visiten. Spilett pflanzte Kräuter in die Felsritzen, bis die Fenster grüne Rahmen trugen. Aus dem Grant-See zog Cyrus eine schmale Wasserleitung — siebzehn Eimer am Tag, sauber und kalt.
Harbert teilte die Räume in Gedanken auf. Küche, Speisesaal, Schlafkammer, Vorrat. Eine Kammer für Gäste. Gäste, dachte er, und musste lächeln. Wer sollte kommen, dreitausend Meilen vom nächsten Land?
Doch dann zuckten die gelben Augen aus dem Wald in ihm hoch. Und das Bild des Wirbels am See. Er sagte nichts.
Es regnete drei Tage. Im großen Saal saßen sie und besserten Kleider aus. Harberts Jacke hatte ein Loch im Futter. Er drehte sie um — und stutzte.
»Mr. Cyrus«, sagte er. »Da steckt etwas.« Zwischen seinen Fingern lag ein winziges, hartes Korn. Hellbraun. Schmaler als sein Daumennagel. »Ein Weizenkorn.«
Pencroff lachte rau. »Eines? Was machen wir mit einem? Eine Krume Brot, und das war's.«
Cyrus nahm es. Hielt es ans Licht. Drehte es. Drückte vorsichtig daran. Das Korn war heil.
»Pencroff«, sagte er ruhig, »wisst Ihr, wie viele Ähren aus einem einzigen Korn wachsen können?«
»Eine, schätze ich.«
»Zehn. Und wie viele Körner trägt eine Ähre? An die achtzig.« Cyrus rechnete leise. »Aus einem Korn werden bei der ersten Ernte achthundert. Bei der zweiten sechshundertvierzigtausend. Bei der dritten fast eine halbe Milliarde.«
Pencroff klappte den Mund auf. Klappte ihn wieder zu.
»Eine halbe Milliarde«, wiederholte Nab andächtig. »Aus dem da.«
Spilett pfiff durch die Zähne. »Dann ist Harberts altes Jackenfutter ein Schatzbeutel.«
Sie stiegen am nächsten Morgen aufs Plateau. Cyrus suchte eine Stelle, an der die Mittagssonne stand und der Wind nicht hinkam. Sie hackten den Boden um. Sie mischten ein wenig Kalk hinein. Dann legte Harbert das Korn in die Erde, vorsichtig wie eine schlafende Biene.
»Wachs«, flüsterte er.
Pencroff zog die Mütze. So feierlich war er noch nie gewesen.
Wusstest du? — Ziegel und Töpfern
Lehm ist eine besondere Erde. Sie ist weich und klebrig, wenn sie feucht ist. Lässt man sie in der Sonne trocknen, wird sie bröselig. Aber im Feuer geschieht ein Wunder: Bei großer Hitze bindet der Lehm sich neu zusammen. Aus dem weichen Stoff wird harter, fester Stein, der Wasser und Wetter trotzt. So entstehen Ziegel, Töpfe und Krüge. Schon vor Tausenden Jahren bauten Menschen so ganze Städte — aus Erde, Feuer und Geduld.
Der Juni brachte den Winter. Der Wind drückte die Wellen gegen den Granit. Im fünften Stock blieb es trocken. Im Kamin knackte das Holz. Nab kochte Kaninchen auf zwanzig Arten, und jede schmeckte gut.
Im Juli gingen sie zur kleinen Felseninsel hinüber. Robben sonnten sich dort, dick und träge. Pencroff schauderte. »Tut mir leid, Freunde«, murmelte er. »Aber wir brauchen euren Talg.« Sie nahmen ihren Anteil — knapp, zweckmäßig, ohne Triumph. Aus Talg und Kalk schmolz Cyrus weiße Stearinkerzen. Sie brannten ruhig und ohne Qualm.
»Licht«, sagte Spilett und schaute in die Flamme. »Das ist mehr wert als Gold.«
Sie zimmerten zwei Brücken über die Mercy — eine oben am Plateau, eine unten am Strand. Sie sammelten Austern. Sie pressten Saft aus dem Zuckerahorn. Sie wussten jetzt: Die Insel würde sie tragen.
Nur Top wusste mehr.

Cyrus beobachtete den Hund. Wann immer Top am Schacht vorbeikam, blieb er stehen. Manchmal stundenlang. Er knurrte nicht laut. Er knurrte tief, fragend, als spräche er mit jemandem unter dem Stein.
»Was hört er?«, fragte Cyrus eines Abends.
Spilett legte das Notizbuch weg. »Das Meer.«
»Das Meer hört er oben auch. Aber dort knurrt er nicht.«
Spilett schwieg lange. »Cyrus«, sagte er leise, »erinnerst du dich an den Wirbel am See? An die Klinge unter Wasser?«
Cyrus nickte einmal, ganz kurz.
»Vielleicht«, flüsterte Spilett, »wohnt unsere Frage nicht über uns. Vielleicht wohnt sie unter uns.«
Sie sagten den anderen nichts. Noch nicht.
Im August fiel Schnee. Zwei Fuß tief. Die Insel sah aus wie ein riesiger weißer Kuchen, in den jemand den Vulkan als Kerze gesteckt hatte. Pencroff stapfte hinaus und kam mit einem Pekari zurück — einem Bisamschwein, das er in der Vorratsfalle gefunden hatte. »Für die Vorratskammer«, sagte er und legte das Tier sorgsam ab.
Nab kochte den ganzen Vormittag. Er reichte Schälchen mit Wildgemüse, Bratenscheiben, einen Krug von seinem säuerlichen Drachenbaum-Trank. Sie saßen am langen Tisch wie die Könige.
»Auf das Korn!«, rief Spilett und hob den Becher.
»Auf das Korn!«, riefen alle. Auch Top bellte einmal kurz.
Pencroff biss kräftig zu. Und biss noch einmal — und sein Gesicht erstarrte. Etwas Hartes knirschte zwischen seinen Zähnen. Er spuckte es in die Hand. Hielt es ans Licht der Stearinkerze.
Ein winziges Kügelchen. Grau. Schwer. So klein, dass es zwischen zwei Fingerspitzen verschwand.
»Bei den Walen«, murmelte Pencroff. »Was bin ich denn da reingebissen?«
Cyrus nahm es. Er rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger. Sein Gesicht wurde sehr still. Nab beugte sich vor. Harbert hielt den Atem an.
»Was ist es, Mr. Cyrus?«, flüsterte Harbert.
Cyrus rollte es noch einmal in der Handfläche. Es glänzte schwach, mit dem stumpfen Schimmer von altem Metall.
»Blei«, sagte er. »Das ist ein Schrotkorn.«
Pencroff lachte auf, kurz und ungläubig. »Aber wir haben gar kein Gewehr.«
»Nein«, sagte Cyrus. »Wir nicht.«
Stille legte sich über den Tisch wie eine Decke. Draußen pfiff der Wind. Der Schacht in der Küche atmete kühl und schwarz. Top hob den Kopf und sah Cyrus an.
»Dann«, sagte Spilett endlich heiser, »sind wir nicht allein auf dieser Insel.«
Pencroff hielt das winzige Bleikügelchen in der Handfläche. Es glänzte schwach. »Das hier«, sagte Cyrus leise, »kommt aus einem Gewehr.«
Mini-Rätsel
Ein einziges Weizenkorn vermehrt sich. Eine Ähre wächst, daraus zehn neue, jede mit achtzig Körnern. Wie viele Körner habt ihr nach drei Ernten?
(Auflösung am Buchende.)
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Der Frühling kam mit warmem Wind über die Insel Lincoln. Das Eis am Grant-See knackte, der Wald roch nach jungem Harz. Auf dem Plateau der Freien Umschau hob ein einzelnes grünes Spitzchen den Kopf — der erste Halm aus Pencroffs Weizenkorn.
Doch die fünf Freunde dachten an etwas anderes. Das Bleischrot lag noch immer auf dem Tisch im Granithaus. Ein winziges Korn aus Metall. Und doch schwerer als alles, was sie je gehoben hatten.
»Sieben Monate sind wir hier«, sagte Pencroff. Er schob die Mütze in den Nacken. »Sieben Monate, und niemals eine Fußspur. Niemals ein Rauch. Niemals ein Ruf. Und jetzt das.«
Cyrus drehte das Schrotkorn zwischen den Fingern. »Es kann nur aus einem Gewehr stammen«, sagte er ruhig. »Und das Pekari war kaum drei Monate alt. Also hat hier vor wenigen Wochen jemand geschossen.«
»Jemand«, wiederholte Spilett. Er sagte das Wort, als wäre es zerbrechlich.
»Bei den Walen!«, brummte Pencroff. »Wir kennen jeden Winkel vom Strand bis zum Krater. Wo soll dieser Jemand stecken?«
»Vielleicht ist er schon wieder fort«, sagte Harbert. »Vielleicht hat ihn ein Sturm hierher geworfen. Und ein anderer Sturm wieder fortgetragen.«
Cyrus legte das Kügelchen langsam zurück. »Vielleicht. Wir wollen es herausfinden. Aber dazu brauchen wir ein Boot.«
Pencroff richtete sich auf wie ein Mast im Wind. »Ein Boot? Das ist meine Sprache, Mr. Cyrus. In fünf Tagen habt ihr eines.«
»Fünf Tage?«, lachte Nab. »Ein Schiff in fünf Tagen?«
»Keine Fregatte, Nab. Eine Piroge. Aus Rinde, wie die Indianer sie bauen. Leicht wie eine Möwe.«
Pencroff hielt Wort. Schon am Morgen schälte er lange Bahnen Rinde von einem umgestürzten Douglas-Stamm. Cyrus krümmte biegsame Crejimba-Äste über dem Feuer, bis sie sich wie Rippen wölbten. Nägel wurden geschmiedet, kleine, zähe Stifte, die das Werk zusammenhielten. Harbert mischte Harz und Asche zu schwarzem Pech und strich die Nähte ein.
Am fünften Abend stand die Piroge im Sand. Zwölf Fuß lang, zwei Ruder, ein Bootsriemen zum Steuern. Pencroff klopfte ihr auf den Bug wie einem Hund.
»Sie schluckt ein wenig Wasser«, sagte Nab.
»Lass das Holz quellen, Freund. In zwei Tagen ist sie dichter als ein Faß.«

Am nächsten Morgen liefen sie aus. Eine sanfte Brise stand aus Süd. Das Meer lag glatt wie ein blanker Teller. Nab und Harbert ruderten, Pencroff steuerte, Top saß im Bug und schnüffelte in den Wind. Cyrus saß still und schaute, als läse er ein offenes Buch.
Sie folgten der Küste nach Süden. Die rote Granitwand glitt vorbei. Möwen schrien hoch über ihnen. Nach drei Stunden ragte ein langes, kahles Kap ins Meer — ein steiniger Riesenarm aus dem grünen Ärmel des Waldes.
»Schaut!«, rief Harbert plötzlich und sprang halb auf. »Da unten am Strand!«
Alle Köpfe drehten sich. Etwas Dunkles lag halb im Sand. Kein Felsen. Zu eckig. Zu fremd.
»Tonnen«, knurrte Pencroff. »Bei den Walen, das sind Tonnen!«
Die Piroge schob sich knirschend in den Sand. Sie sprangen heraus. Und blieben stumm stehen.
Zwischen zwei dicken Fässern lag eine große Kiste. Aus Eichenholz, fest verschnürt mit dicken Seilen. Ein wetterfestes Fell war mit kupfernen Nägeln darübergespannt. Die Knoten waren sauber gelegt — Seemannsknoten, jeder einzelne.
Pencroff hob bereits einen Stein, um den Deckel aufzubrechen. Cyrus legte ihm die Hand auf den Arm.
»Warte. Wir nehmen sie mit. Heil und unversehrt.«
»Aber Mr. Cyrus — was, wenn da drin ...«
»Dann ist es auch in einer Stunde noch da.«
Sie banden die Kiste samt Fässern hinter die Piroge. Langsam, vorsichtig steuerten sie zurück. Das Strandgut hing schwer im Wasser, doch die Tonnen trugen es. Pencroff nannte die Stelle, an der sie es gefunden hatten, von nun an die Strandgutspitze.
Vor dem Granithaus zogen sie die Kiste an Land. Nab brachte Werkzeug. Die Schlösser ließen sich abdrehen. Im Inneren spannte sich noch eine zweite Hülle — aus dünnem Zink, sauber verlötet.
»Jemand wollte, daß nichts naß wird«, flüsterte Spilett.
Cyrus schnitt das Zink auf. Und nun stieß Pencroff einen Schrei aus, der die Möwen aufscheuchte.
Bücher. Werkzeug. Waffen. Hemden aus weichem Stoff. Ein Sextant in einem Lederetui. Ein Fernrohr, blank wie ein Spiegel. Ein Kompaß. Ein Thermometer. Sechs Kasserollen aus Kupfer. Messer, Äxte, Hobel, Hämmer, Feilen, Bohrer. Ein kleines tragbares Öfchen. Ein Atlas. Ein Wörterbuch.
Und obenauf — eine Bibel.
Harbert klatschte in die Hände. Nab tanzte einen kleinen Schritt um den eigenen Schuh. Pencroff rieb sich die Augen.
»Heiliges Tauwerk«, hauchte er. »Das ist ein Königreich in einer Kiste.«
Cyrus zog jedes Stück langsam heraus. Er drehte es im Licht. Auf keinem Werkzeug eine Marke. Auf keiner Waffe ein Stempel. Auf keinem Buch ein Verlagsort. Alles wie eben erst gefertigt. Alles ohne Spur.
»Wer hat das gepackt?«, fragte Harbert leise.
»Ein Mensch, der wußte, was Schiffbrüchige brauchen«, sagte Spilett.
Pencroff murmelte etwas. Seine Hand wühlte ein letztes Mal durch die Hemden. Dann seufzte er.
»Was hast du, Pencroff?«, fragte Nab.
»Ein halbes Pfund Tabak«, knurrte der Seemann. »Ein einziges halbes Pfund hätte mein Glück vollkommen gemacht.«
Sie lachten alle. Selbst Cyrus, der so wenig lachte, lachte mit.
Dann nahm Harbert die Bibel in die Hand. Sie war schwer und schön. Ein dünnes Lesebändchen lag zwischen den Seiten. Als er sie öffnete, zeigte sich ein kleines rotes Kreuz neben einer Zeile. Sauber gezeichnet, mit ruhiger Hand.
Harbert las leise vor: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden.«
Niemand rührte sich. Die Worte hingen über dem Sand wie Möwen, die nicht landen wollten.
Spilett legte die Bibel behutsam zurück. »Jemand will, daß wir hier zurechtkommen«, sagte er. »Aber wer?«
Wusstest du? — Wunderbäume des Pazifiks
Auf der Insel Lincoln wachsen Riesen. Der Kauri ist eine Konifere aus Neuseeland und kann so hoch werden wie ein zwanzigstöckiges Haus. Der Eukalyptus aus Australien duftet wie Hustenbonbon — seine Blätter enthalten ein Öl, das beim Atmen hilft, und seine Wurzeln trocknen sumpfigen Boden aus. Der Bambus ist gar kein Baum, sondern ein Gras — und wächst an guten Tagen einen halben Meter zwischen Frühstück und Abendbrot. Drei Wunder aus einer einzigen Welt.
Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf. Diesmal die Mercy stromaufwärts. Die Piroge glitt unter einem grünen Dach hin. Spilett zeichnete, Harbert spähte nach jeder Pflanze, Pencroff steuerte, Top stand vorn und horchte.
»Schaut!«, rief Harbert plötzlich. »Eukalypten!«
Sie reckten den Hals. Stämme so dick wie kleine Türme, Kronen, die in den Himmel zielten wie Lanzenspitzen. Die Rinde hing in langen Bändern herab. Es roch herb und frisch zugleich, fast wie Pfefferminz.
»Bäume groß wie Schiffsmasten«, staunte Nab.
»In ihrer Heimat nennt man sie Fieberbäume«, sagte Cyrus. »Wo sie wachsen, wird der Boden gesund. Sie trinken das Sumpfwasser aus.«
»Welch gesegnetes Land«, sagte Pencroff und legte den Kopf in den Nacken.
Harbert kletterte am nächsten Halt einen riesigen Kauri hinauf. Ast für Ast, wie eine grüne Treppe. Oben sah er nichts als Wald, Meer und den Kegel des Berges Franklin. Kein Rauch. Kein Segel. Kein Lager. Niemand.
Er kletterte stumm wieder herunter.
Weiter oben fanden sie einen Hain aus Bambus. Die Halme klangen aneinander wie hohle Flöten. Spilett klopfte einen davon ab.
»Eine Wand, ein Eimer, ein Korb, ein Rohr«, sagte er. »Mit Bambus baust du alles.«
»Mit Bambus und Cyrus«, ergänzte Nab fröhlich.
Sie ruderten weiter, bis ein Wasserfall die Mercy abschloß. Dort lagerten sie unter breiten Bäumen, das Feuer hoch, die Gewehre nah. Affen tappten neugierig im Geäst, gafften herunter und verschwanden wieder.
Top schlief nicht. Sein Kopf lag auf den Pfoten, doch die Ohren spielten. Manchmal hob er die Schnauze und schnüffelte gegen den Wind.
Cyrus saß lange am Feuer. Spilett saß neben ihm. Lange Zeit sagten sie nichts.
»Cyrus«, flüsterte Spilett endlich, »wer schickt uns das alles?«
Cyrus sah ins Feuer. »Wir mögen die Insel durchsuchen, so genau wir wollen«, sagte er leise. »Wir werden niemanden finden. Und doch ist jemand da.«
Über dem Wasserfall hing der Mond. Im Granithaus lag die Bibel auf dem Tisch. Und mitten in ihrem Buchzeichen wartete ein rotes Kreuz.

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Der Morgen roch nach Harz und Tau. Pencroff schnürte den Proviantsack zu. »Heute marschieren wir nach Westen«, sagte er. »Bis die Stiefel rauchen.«
Cyrus Smith zog den Kompaß aus der Westentasche. Die Nadel zitterte und zeigte nach Norden. »Drei Meilen Vulkan, dort hinten«, sagte er ruhig. »Wir halten Südwest, dann treffen wir das Meer.«
»Und die Flinten?« fragte Nab.
»Geladen. Aber wir schießen nicht ohne Not.« Cyrus blickte in die Runde. »Wer schießt, verrät sich. Und wir wissen noch nicht, wer auf dieser Insel zuhört.«
Harbert nickte ernst. Top wedelte. Die fünf Freunde brachen auf.

Der Wald des Fernen Westens stand wie ein grüner Saal. Riesenkauris ragten in den Himmel. Eukalypten dufteten scharf wie frische Münze. Pencroff schwang die Axt, und die Lianen knallten wie reißendes Tauwerk.
»Schaut!« flüsterte Harbert.
Hoch über ihnen turnten Affen von Ast zu Ast. Sie pfiffen, kicherten, äfften die Wanderer nach. Eine kleine Hand winkte herab.
»Sie halten uns für ungeschickte Vettern«, lachte Spilett.
»Ungeschickt?« knurrte Pencroff. »Ich klettere besser den Großmast als die da den Baum!« Aber er knurrte mit einem Lächeln im Bart.
Gegen halb zehn rauschte ihnen Wasser entgegen. Ein neuer Bach! Klar, schnell, mit Forellenblitzen zwischen den Steinen. Spilett kniete nieder.
»Den haben wir noch nie getauft«, sagte er. »Er muss einen Namen haben.«
»Warten wir die Mündung ab«, schlug Harbert vor.
Sie folgten dem Ufer. Pencroff fischte im Gehen kleine blaue Krebse heraus und stopfte sie in einen Sack. »Auf der Insel wächst alles«, brummte er. »Nur Tabak nicht.«
Eine Stunde später blieb Harbert stehen. »Das Meer!«
Vor ihnen brach der Wald nicht zum Strand hin ab. Die Bäume selbst standen mit den Wurzeln im Wasser. Und der Bach sprang über eine hohe Kante steil ins Meer hinab — ein silberner Vorhang aus Schaum.
»Darum spürt die Flut nicht herauf«, murmelte Cyrus. »Das Wasser fällt wie über eine Schleuse.«
»Kaskadenfluss«, sagte Spilett. »Ist der Name nicht klar wie Glas?«
Alle nickten.
Sie wanderten am Saum entlang nach Süden, bis die Sonne sich neigte. Vögel kreischten in jedem Wipfel. Doch nirgends ein Segel, nirgends ein Wrack, nirgends die Spur des Fremden, dessen Schrotkorn Pencroffs Zahn gekostet hatte.
»Wenn jemand hier war«, sagte Cyrus, »so ist er fort. Oder so klug, sich nicht zu zeigen.«
Am Reptil-End — einer schlangenartigen Felsspitze — suchten Pencroff und Harbert ein Nachtquartier. Eine Höhle bot sich an. Doch aus der Schwärze grollte ein dunkles Brüllen.
»Zurück!« zischte Pencroff.
Aus der Höhle trat ein Jaguar. Goldenes Fell mit schwarzen Rosen. Augen wie zwei kleine Sonnen.
»Bleibt ruhig«, sagte Spilett. Er griff in den Brennholzhaufen, nahm ein dickes Bambusstück und warf es ins Lagerfeuer, das Nab schon entfacht hatte. Ein zweites flog hinterher. Ein drittes.
Knall! — Knall! — KRACH!
Das Bambus zerbarst in der Glut wie ein Feuerwerk. Die Knoten platzten und schleuderten Funken. Der Jaguar duckte sich, fauchte, machte einen Satz zur Seite — und verschwand zwischen den Felsen ins Dunkel. Sein Brüllen erstarb in der Ferne.
»Heiliges Tauwerk«, hauchte Pencroff. »Die alten Tataren haben uns das beigebracht, sagt Cyrus. Knallholz statt Pulver.«
»Manchmal«, lächelte der Ingenieur, »ist ein Knall klüger als ein Schuß.«
Sie schliefen in der warmen Höhle, das Feuer als Wächter, Top als zweiter.
Wusstest du? — Menschenaffen
Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan heißen Menschenaffen. Sie sind unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Schimpansen leben in Afrika und benutzen Stöcke als Werkzeuge. Gorillas wohnen im Bergwald und sind sanfte Riesen. Orang-Utans heißen auf Malaiisch »Waldmensch«; sie schwingen sich durch die Regenwälder Borneos und Sumatras. Alle drei können lernen, sich erinnern, traurig sein und sich freuen — fast wie wir.
Am nächsten Tag wanderten sie heimwärts. Der Weg war lang, die Beine schwer. Als sie spät in der Nacht die Mercy erreichten, traf sie der Mond mit silbernem Strahl.
Nab griff nach der Strickleiter.
Sie war weg.
»Bei den Walen!« knurrte Pencroff. »Spielt jemand mit uns Verstecken?«
Cyrus blickte hinauf. Die Fenster des Granithauses standen offen. Ein dumpfes Lachen drang aus der Höhe — kein menschliches Lachen.
»Schaut!« flüsterte Harbert.
In einem Fenster erschien eine pelzige Pfote. Dann ein zweites, dann ein wuscheliger Kopf. Bernsteinaugen funkelten ins Mondlicht.
»Affen«, sagte Cyrus leise. »Sie haben unser Haus erobert.«
»Affen!« platzte Pencroff. »In meinem Bett liegen Affen!«
Sie übernachteten in den Kaminen, ihrem alten Notlager am Strand. Pencroff murrte die halbe Nacht. Top knurrte zustimmend.
Im Morgengrau begann die Belagerung. Harbert schoß einen Pfeil mit einer Schnur empor, traf die Sprossen der Leiter — und schwupp, ein behaarter Arm zog sie zurück ins Haus.
»Sie machen sich lustig!« stöhnte Pencroff.
Drei Affen zeigten sich am Fenster, schnitten Grimassen, zogen Pencroff die Mütze nach. Einer warf eine Karotte herunter. Sie traf Nab am Kopf.
»Bei Cyrus' guter Laune!« lachte Nab. »Die haben sogar Humor.«
»Geduld«, sagte Cyrus. »Solche Gäste bleiben nie ewig.«
Sie warteten. Sie kochten Tauben auf einem Feldfeuer. Sie warteten wieder.
Dann, kurz nach Mittag, geschah das Sonderbare. Top bellte plötzlich heftig hinauf. Im Granithaus brach ein Lärm aus — Kreischen, Pfeifen, Stolpern. Affen tauchten an Fenstern und Türen auf, sprangen wirr durcheinander, als jagte sie etwas, das niemand sah. Sie kletterten den Felsen hinunter, schwangen sich an Wurzeln davon, flohen in den Wald wie ein brauner Sturm.
Und mit einem Mal — die Strickleiter rollte herab. Ganz von allein. Sauber bis zum Sand.
Die Freunde sahen einander an. Niemand sprach.
»Wer …«, begann Pencroff. Er schluckte den Rest hinunter.
Cyrus legte die Hand an das Hanftau. Er blickte hinauf. »Steigen wir hinein, Freunde. Aber leise.«
Im Granithaus war alles still. Mehr noch — alles war ordentlich. Die Becher standen aufgereiht. Die Decken lagen gefaltet. Nur ein einziger Stuhl in der Küche war besetzt.
Dort saß ein junger Orang-Utan.
Sein Fell war rotbraun wie reifer Kürbis. Seine Augen leuchteten warm und bernsteinfarben. Er hielt eine halbe Walnuss in der Pfote und kaute bedächtig. Als Cyrus eintrat, neigte er den Kopf — schief, neugierig, ohne Furcht.
Nab blieb in der Tür stehen. »Ein Übriggebliebener.«
»Oder ein Wartender«, sagte Cyrus.
Der Affe streckte Harbert die Walnusshälfte entgegen.
Harbert lächelte und nahm sie an. »Danke.«
Der kleine Orang brummte zufrieden. Dann griff er nach Nabs Tasse, in der noch dampfender Kräutertee stand, und schlürfte einen vorsichtigen Schluck. Er schmatzte. Pencroff hielt sich den Bauch vor Lachen.
»Heiliges Tauwerk! Der Kerl trinkt unseren Tee!«
»Er bleibt«, sagte Harbert leise. »Er will bleiben.«
Cyrus kniete sich vor den Affen. »Wie nennen wir dich, kleiner Freund?«
»Jupiter!« rief Pencroff. »So groß und rund wie der Planet am Abendhimmel. Kurz: Jup.«
Der Orang neigte den Kopf zur anderen Seite. Es sah aus wie ein Nicken.
»Jup«, wiederholte Harbert. »Mir gefällt das.«

So wurde aus dem Kreis der vier Freunde ein Kreis aus fünf — sechs, wenn man Top mitzählt, und sieben mit Jup. Niemand sprach von »Diener«. Niemand sprach von »Tier«. Jup schlief in dieser ersten Nacht in einer Decke, die Nab ihm hingelegt hatte, und hielt im Schlaf seine Walnusshälfte fest.
Später, am Fenster, sah Spilett hinaus über das mondbeschienene Meer. »Was hat sie verjagt, Cyrus?« fragte er leise. »Die Affen sind nicht von allein geflohen.«
Pencroff zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben sie sich vor sich selber erschrocken.«
Cyrus schwieg lange. Dann legte er die Hand auf Spiletts Arm. Nichts weiter.
Jup wachte einen Moment auf, legte den Kopf schief und sah Cyrus an, als hätte er eine Frage.
»Wir alle haben Fragen, kleiner Freund«, lächelte der Ingenieur. »Mehr, als wir Antworten haben.«
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Der Morgen roch nach Harz und nach Sägespänen. Pencroff stand am Ufer der Mercy, die Axt auf der Schulter. »Heiliges Tauwerk«, knurrte er, »eine Brücke wollen wir, und eine Brücke gibt's.« Harbert lachte. Top sprang dreimal um seine Beine.
Cyrus Smith maß den Fluss mit dem Auge. »Achtzig Fuß breit«, sagte er ruhig. »So weit, wie ein Walfischrücken lang ist.« Pencroff grinste. Nab schulterte die zweite Axt.
Drei Wochen lang knirschten die Sägen. Bohlen flogen auf den Werkplatz. Pfähle wurden in das schlammige Bett gerammt. Spilett notierte alles in sein kleines Buch. Sogar Jup half — er schleppte Holz herbei, als wäre er ein eigener Zimmermann.
Am Ende stand sie da: eine richtige Brücke, mit zwei Bögen und einem beweglichen Stück. »Eine Zugbrücke«, erklärte Cyrus. »Schau, wir können sie heben.« Mit einem Gegengewicht klappte das Brett nach oben. Zwischen den beiden Enden gähnte ein Spalt, so breit wie zwei lange Schritte. »Da kommt kein Tier mehr rüber«, sagte Pencroff zufrieden.
»Aber«, fragte Harbert, »warum die ganze Mühe?«
Cyrus lächelte. »Wir machen unser Plateau zu einer Insel auf der Insel.« Er zog mit dem Stock einen Plan in den Sand. See im Norden. Bach im Osten. Meer im Süden. Mercy im Westen. Nur eine kleine Lücke blieb. »Hier graben wir einen Wassergraben«, sagte er. »Dann sind unsere Felder rundum geschützt.«
So geschah es. Aus dem See floss ein neuer Bach in die Mercy. Sie tauften ihn Glyzerinfluss, weil Cyrus' geheime Bücherkunst dabei half, den Granit zu sprengen. Wie genau, das verriet er nicht. »Manche Rezepte schreibt man nicht hin«, sagte er nur.
Nab klatschte in die Hände. »Jetzt ein Hühnerhof, Cyrus!« Er hatte schon einen Platz im Kopf. Am Ufer des Sees, geschützt, sonnig. Tinamuhähnchen, Enten, später ein Taubenschlag — alles fand seinen Eckwinkel. »Bei Cyrus' guter Laune!«, rief Nab. »Bald gackert die ganze Insel auf unserer Seite.«
Eines Mittags hörten sie ein helles Wiehern. Auf dem Plateau standen zwei fremde Tiere. Schlanke Beine, isabellfarbenes Fell, dunkle Streifen am Hals.
»Schaut!«, rief Harbert. »Onager! Die sind verwandt mit dem Esel und dem Zebra.«
»Wenn die ziehen können«, brummte Pencroff, »dann sind sie meine besten Freunde.«
Harbert schlich durch das Gras und zog leise das Brückchen hoch. Die zwei Tiere blieben — eingeschlossen, aber unverletzt. Nach ein paar Tagen fraßen sie aus Pencroffs Hand. Bald zogen sie einen kleinen Wagen, der über die neue Straße zum Ballonhafen rollte, wo der alte Stoffsack des Ballons noch lagerte. Aus seinem Tuch nähten sie Hemden, Strümpfe, sogar Bettlaken. Pencroff erwies sich als überraschend guter Schneider. »Auf Schiffen lernt man alles«, brummte er. »Sogar das Stopfen.«
Doch das größte Wunder dieser Wochen begann mit einem Hagelschauer. Ein Blitz traf den Sandstrand, und wo er einschlug, war der Sand zu einer glasigen Röhre zusammengeschmolzen. Cyrus hob sie auf und drehte sie im Licht. »Schaut einmal hin«, sagte er. »Der Himmel hat uns ein Rezept geschickt.«
Wusstest du? — Glas aus Sand
Glas ist eingefangenes Feuer. Wenn man feinen Sand mit Soda und Kalk in einem ganz heißen Ofen schmilzt, wird der Sand erst weich wie Honig, dann zäh wie Sirup. Bläst man durch ein Eisenrohr Luft hinein, dehnt sich die heiße Masse wie eine Seifenblase. Lässt man sie abkühlen, bleibt sie hart und durchsichtig. So entstehen Fenster, Becher und sogar Linsen für Fernrohre. Das Wort »Glas« stammt von einem alten Wort für »leuchten«.
Pencroff rollte ein dünnes Blech zu einem langen Rohr. Cyrus baute den Töpferofen um. Nab schöpfte Soda aus verbrannten Meerespflanzen, Harbert siebte Sand. Dann fauchte das Feuer. In den Tiegeln glühte die Masse rot und gelb.
»Blas hinein!«, rief Cyrus.
Harbert blähte die Wangen auf. Am Ende des Rohrs wuchs eine Blase, glühend, leuchtend, wie ein kleiner Mond.
»Wie Seifenblasen!«, rief der Junge.
»Nur ein bisschen heißer«, lachte Spilett.
Pencroff wollte auch blasen. Er blies zu stark. Heraus kam etwas, das aussah wie eine verbogene Birne mit Buckel. Jup neigte den Kopf und schnaubte. »Das ist Kunst, Jup«, brummte Pencroff. »Verstehst du nicht.«
Nach vielen Versuchen schnitten sie aus den Zylindern flache Tafeln. Bald saßen sie als echte Fenster in den Mauern des Granithauses. Zum ersten Mal fiel Sonnenlicht durch eigenes Glas auf Nabs Suppenschüssel. Es gab Trinkbecher, eine Karaffe, sogar ein kleines Fernrohr, das Cyrus aus zwei sorgfältig geschliffenen Glasstücken zusammensetzte.
»Wir haben Augen für die Ferne«, sagte Spilett leise.
Damit fing das nächste Wunder an. Pencroff erinnerte Cyrus an ein altes Versprechen. »Mr. Cyrus — die vielen Stufen rauf zum Granithaus. Können Sie da nicht etwas erfinden?«
»Einen Aufzug?«
»Meinetwegen mit jedem Namen. Hauptsache, er trägt unsere Säcke.«
Cyrus leitete den kleinen Wasserstrom oberhalb der Wohnung in ein hölzernes Schaufelrad. Das Rad drehte eine Welle. Die Welle wickelte ein starkes Tau. Am Tau hing ein Korb. Wer hineinstieg und an einem Strick zog, schwebte langsam an der Felswand hinauf.
»Heiliges Tauwerk«, sagte Pencroff beim ersten Versuch — und pfiff, während der Korb stieg, eine kleine Seemannsmelodie. Top wedelte oben mit dem Schwanz. Jup klatschte mit beiden Händen. »Schaut nur«, flüsterte Nab. »Wir fliegen.«
An einem Aprilabend saßen sie unter Nabs neuer Veranda. Spilett wandte sich an Cyrus. »Lieber Cyrus, hast du mit dem Sextanten unsere Insel schon einmal genau gemessen?«
»Noch nicht.«
»Tu es morgen.«
Am nächsten Mittag stand Cyrus mit dem kleinen Messgerät am Meer. Er peilte die Sonne. Er rechnete. Dann breitete Harbert den Atlas aus. Cyrus setzte den Zirkel — und stutzte.
»Hier liegt schon eine Insel«, sagte er leise. »Klein. Nur ein Punkt. Etwa hundertfünfzig Meilen westlich.«
»Wie heißt sie?«, fragte Harbert.
»Insel Tabor.«
»Hundertfünfzig Meilen«, murmelte Pencroff. Seine Augen begannen zu leuchten. »Bei den Walen — das ist ein Spaziergang für ein gutes Boot. Bauen wir eins, Mr. Cyrus. Eine kleine Schaluppe. Im Oktober segeln wir hin und sehen nach.«
Cyrus antwortete nicht gleich. Er sah lange aufs Wasser. Dann nickte er. »Wir denken darüber nach.«
In der Nacht knurrte Top.
Er stand am Brunnenschacht im Innern des Granithauses, die Nase tief gesenkt, die Ohren wach. Jup setzte sich neben ihn und legte den Kopf schief. Cyrus stand barfuß im Mondlicht.
»Was hört ihr?«, fragte er leise.
Top knurrte wieder. Aus der Tiefe kam kein Laut. Nur kalter Luftzug. Cyrus holte eine Laterne und die Strickleiter. »Hierbleiben«, sagte er zu den anderen. Spilett wollte widersprechen, ließ es dann.
Cyrus stieg hinab. Lange. Sehr lange. Die Laterne wurde zu einem Stern, dann zu einem Punkt, dann fort. Pencroff hielt die Luft an. Harbert biss sich auf die Lippe.
Endlich kam Licht zurück. Schritt für Schritt. Cyrus' Gesicht tauchte aus dem Schacht. Es war ruhig, aber etwas in seinen Augen war anders — wacher, weiter.
»Nun?«, flüsterte Spilett.
»Kein Gang«, sagte Cyrus. »Kein Tier. Nur kalte Tiefe.«
Er zog die Strickleiter Stufe für Stufe hoch und legte sie ordentlich zusammen. Dann sah er Top an. Top schlug einmal mit dem Schwanz.
»Da unten ist ein Geheimnis«, sagte Cyrus leise. »Und es wartet.«

Mini-Rätsel
Welches Wort ergeben die ersten Buchstaben von Granit, Laterne, Ahornsaft, Segel?
(Auflösung am Buchende.)
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Der Morgen roch nach Pech und Sägespänen. Am Strand zwischen Kaminen und Granitwand wuchs ein Wunder aus Holz. Es hatte einen Kiel, lang wie zwei Bauwagen. Es hatte Rippen wie ein riesiger Walfisch. Pencroff stand davor und strahlte. »Heiliges Tauwerk«, sagte er. »Sie wird ein Meisterstück.«
Cyrus Smith hatte das Schiff auf Papier entworfen. Pencroff hatte als junger Mann auf einer Werft gearbeitet. Nun bauten die beiden gemeinsam. Wochenlang klopften Hämmer, knirschten Sägen, dampfte Pech über kleinen Feuern. Harbert und Spilett brachten Wild und Holz. Nab kochte und tüftelte am Ofen. Jup trug die Späne in einer Schürze fort, sehr ernst, als sei er der Hauptmann der Werkstatt.
»Schau, Pencroff«, sagte Harbert eines Abends. »Sie sieht schon aus wie ein richtiges Boot.«
»Sie ist ein richtiges Boot«, knurrte Pencroff. »Sie weiß es nur noch nicht.«

Eines Mittags rief Nab vom Küchenfenster aus. Vor der Strandgutspitze lag ein dunkler Berg im Sand. Ein Wal war gestrandet, ein riesiger Bursche, achtzig Fuß lang. Die Freunde liefen über die Brücke. Möwen kreisten schon. Der Wal war tot. In seiner Seite steckte eine alte Harpune. »Maria Stella, Vineyard«, las Pencroff. Seine Stimme zitterte. »Vineyard! Aus meiner Heimat!« Es ist genug gesagt, dass die Freunde die Beute Stück für Stück bargen — Tran für die Lampen, Talg für die Kerzen, hornige Barten für hundert kleine Werkzeuge.
Wusstest du? — Vom Baumstamm zum Schiff
Zuerst legen Schiffbauer einen langen Balken auf den Boden — den Kiel, das Rückgrat des Schiffs. Quer daran setzen sie krumme Hölzer, die Spanten; sie sind die Rippen. Über die Spanten kommen die Planken, glattgehobelt, dicht an dicht, wie eine schützende Haut. Aus den Ritzen treibt man Werg und gießt heißes Pech, damit kein Wasser durchsickert. Senkrecht hoch ragt der Mast. An ihm hängen die Segel und fangen den Wind. So wird aus stillen Bäumen ein Boot, das übers Meer fliegt.
Wenige Tage später lehnte Spilett am Türrahmen und lächelte. »Pencroff«, sagte er, »ich habe ein kleines Mitbringsel.« Er hielt eine Pflanze in der Hand. Lange, walzige Stängel. Doldenblüten. Pencroff schnupperte. Sein Bart zuckte. Sein Gesicht wurde weiß, dann rot, dann ganz weich. »Tabak«, flüsterte er. »Echter Tabak.«
»Wir haben ihn heimlich getrocknet«, sagte Harbert. »Zwei Monate lang.«
Pencroff setzte sich auf eine Kiste und wischte sich die Augen mit dem Ärmel. »Ich weine ja gar nicht«, brummte er. »Das ist das Pech am Daumen.«
Niemand widersprach. Nab legte ihm leise eine Schale Holunderkaffee neben den Stiefel.
Doch nicht jede Nacht war so warm. In der ersten Augustwoche, bei klirrender Kälte, bellte Top mit einem Mal an der Tür. Nicht am Schacht — an der Tür. Jup schrie kurz und scharf. Cyrus war schon auf den Beinen. »Etwas drängt von außen herein«, sagte er.
Sie warfen Decken über die Schultern, griffen Lampen und Knüppel und fuhren mit dem Aufzug hinab. Auf dem Strand huschten Schatten. Augen funkelten gelb, viele, zu viele. »Feuerfüchse!«, rief Harbert.
»Die Brücke!«, schrie Pencroff. »Wer hat die Brücke offen gelassen?«
»Ich«, sagte Spilett knapp. »Später mache ich es wieder gut. Jetzt schießen wir.«
Sie stellten sich in einer Reihe zwischen Fluss und Felswand. Hier war der Pfad eng. Hier konnten die Räuber nicht vorbei. Top knurrte tief. Jup hob einen mächtigen Knüttel. Lampenschein zuckte über pelzige Rücken. Pencroff zielte ruhig. Cyrus' Stimme war leise wie immer: »Nicht hetzen. Nicht laufen. Hier stehen.«
Die Füchse drängten. Die Freunde hielten. Funken, Bellen, ein Pfeifen im Wind. Jup war überall, wo es eng wurde, schwang seinen Stock und schimpfte in seiner Affen-Sprache. Einmal stieß er Nab beiseite und ließ einen Räuber an sich abprallen. Einmal stand er allein zwischen fünf glühenden Augen — und hielt stand.
Als der erste graue Streifen am Himmel kam, zogen sich die Füchse zurück über die Brücke. Nab hob sie schnell hoch. Stille kehrte ein. Nur der Wind sprach noch.
»Jup?«, rief Pencroff.
Keine Antwort.
Sie suchten und fanden ihn am Rand des Strandes, im Schnee zusammengesunken, sein zerbrochener Knüttel noch in der Hand. Nab hob ihn behutsam auf. Jup atmete. Er war verwundet, aber er atmete.
»Wir bekommen dich wieder hin«, sagte Pencroff rau. »Hörst du, alter Freund? Wie einen von uns.«
Sie pflegten ihn zehn Tage lang. Nab kochte ihm süße Brühen. Spilett verband die Wunden. Top schlich »auf Zehenspitzen« ans Lager und leckte Jups herabhängende Pfote. Am elften Tag stand der Orang wieder auf. Am zwölften griff er nach Pencroffs Pfeife und blies eine Wolke wie ein alter Kapitän. Pencroff brüllte vor Glück: »Sie gehört dir, mein Freund! Geschenkt!«
Erfinder-Steckbrief — Isambard Kingdom Brunel
Lebte: 1806–1859 Aus: Portsmouth, England Erfindung: riesige Schiffe und Tunnel unter Flüssen
Brunel baute Schiffe so groß wie ganze Dörfer. Sein Dampfer »Great Eastern« konnte viertausend Menschen über das Meer tragen. Er baute auch einen Tunnel unter der Themse hindurch, damit Züge auf dem Grund des Flusses fahren konnten. Als Junge zeichnete Brunel Brücken in sein Schulheft. Als Mann zeichnete er sie in den Himmel. Er hatte ein Lieblingswort: »Probieren.« Was andere für unmöglich hielten, baute er einfach. Und meistens schwamm es.
Der September brachte mildere Tage. Die »Bonadventure« — so wollte Pencroff sie taufen — bekam ihre Planken, ihre Innenwände, ihre kleine Kajüte. Am 15. September war der Rumpf dicht. Die Fugen waren mit Werg und Pech versiegelt. Der junge, schlanke Fichtenmast stand. Die Segel lagen bereit, geschnitten aus dem alten Ballonstoff.
In der ersten Oktoberwoche schoben sie das Schiff auf Rollen ins Wasser. Sie hielten den Atem an. Die »Bonadventure« hob sich, schaukelte, fand ihre Linie. »Sie schwimmt!«, jubelte Harbert. »Sie schwimmt wie eine Möwe!«
»Sie tut, was Schiffe tun«, knurrte Pencroff, ganz Würde. Innen drin hüpfte sein Herz.
Am selben Tag fuhren sie probe. Brise aus Nordosten, klares Wasser. Das Boot schnitt durchs Meer wie ein Messer durch Butter. Cyrus saß ruhig am Steuer. Spilett zeichnete die Küste. Jup hockte am Bug und schnupperte den Wind. Top kläffte ins Gischtspritzen.
»Mr. Cyrus«, fragte Pencroff vorsichtig, »könnte sie wohl bis zur Insel Tabor segeln?«
»Im Notfall ja«, sagte Cyrus. »Doch eine Not sehe ich nicht.«
»Ein Nachbar ist ein Nachbar.«
Cyrus lächelte halb. »Wir reden ein andermal darüber.«
Harbert beugte sich plötzlich über den Bordrand. »Backbord!«, rief er. »Pencroff — etwas treibt da!«
»Ein Felsen?«
»Nein. Eine Flasche!«
Er tauchte den Arm ins Wasser und zog sie heraus. Sie war kalt und glitschig, fest verkorkt. Alle schwiegen. Cyrus zog den Korken. Drinnen steckte ein gefaltetes Stück Papier, halb feucht, doch lesbar. Er las es laut, langsam, Wort für Wort:
Schiffbruch — Insel Tabor — 153° westliche Länge — 37° 11′ südliche Breite.
Stille. Möwen schrien. Das Segel knackte.
»Da draußen«, flüsterte Harbert, »lebt jemand.«
»Da draußen ist ein Mensch«, sagte Nab leise.
Pencroff las den Zettel ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal. Seine Finger zitterten ein wenig, aber seine Stimme war fest. »Mr. Cyrus«, sagte er, »jetzt ist es keine Laune mehr. Jetzt ist es Pflicht.«
Cyrus sah seine Freunde der Reihe nach an. Spilett nickte. Harbert nickte. Nab nickte. Jup, der nichts verstand und doch alles spürte, legte seine kleine Hand in Pencroffs Bart.
»Dann segeln wir«, sagte Cyrus Smith. »Bald.«

Sie hielten die »Bonadventure« in den Wind und steuerten heim. Die Insel Lincoln lag golden im Abendlicht. Hinter ihnen, irgendwo im weiten Westen, lag ein anderer Punkt im Meer. Und auf diesem Punkt wartete einer.
Pencroff stand am Steuer und sagte nichts mehr. Nur einmal noch las er den Zettel — zum dritten Mal. »Da draußen«, sagte er. »Da draußen wartet ein Mensch.«
Mini-Rätsel
Findet in der Flaschenpost-Karte fünf versteckte Wörter: M E E R — I N S E L — S T U R M — H I L F E — W I N D
Sie liegen kreuz und quer in einem Buchstabengitter, das in eurem Kapitel-Bild zu sehen ist. Welches Wort findet ihr zuletzt?
(Auflösung am Buchende.)
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Pencroff las den Zettel zum dritten Mal. »Da draußen wartet ein Mensch«, sagte er leise. Cyrus Smith legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann segelt ihr morgen«, sagte er. »Bei Tagesanbruch.«
Die Nacht roch nach Pech und Hoffnung. Nab kochte Zwieback, Harbert prüfte die Kompassrose, Spilett packte sein Notizbuch ein. Pencroff strich der ›Bonadventure‹ über den Bug wie über die Mähne eines Pferdes. »Halt dich tapfer, Mädchen«, brummte er. »Wir holen einen Verlorenen heim.«
Am frühen Morgen winkten Cyrus und Nab vom Plateau. Die Schaluppe schaukelte hinaus, das Segel aus altem Ballonstoff knirschte im Wind. Bald war Insel Lincoln nur noch ein grüner Korb auf dem Wasser, überragt vom Berg Franklin. Dann verschluckte der Horizont auch ihn.
Zwei Tage und zwei Nächte glitten sie nach Südwesten. Spilett schrieb. Harbert hielt das Steuer wie ein junger Kapitän. Pencroff schnurrte zufrieden. »Bei den Walen«, sagte er, »die Kleine läuft wie ein Albatros.« Nur die großen Vögel zogen vorbei, sonst war das Meer leer wie ein ausgewaschener Teller.
In der dritten Nacht schlief keiner. Lebte er noch, der Mann auf Tabor? Wer war er?
»Land!« rief Pencroff um sechs Uhr früh. Eine flache, grüne Insel hob sich aus dem Wasser. Sie war klein. Nicht halb so groß wie Lincoln. Pencroff steuerte vorsichtig durch die Klippen, dann knirschte der Kiel auf Sand.

Sie wateten an Land. Vogelschwärme stoben auf, Schweine grunzten irgendwo im Dickicht. »Da hat jemand gelebt«, sagte Spilett. »Schau die Pfade.« Im Wald lagen alte Axtkerben in den Stämmen, mit Moos überwachsen wie graue Bärte.
»Eine Hütte!« rief Harbert plötzlich. Zwischen den Bäumen stand sie, schief, aus Schiffsplanken gezimmert. Pencroff stieß die Tür auf. Innen war es still. Sehr still.
Eine Bibel lag auf dem Tisch, feucht und gelb. Daneben ein zinnerner Teller. In der Ecke: ein Bett mit modrigen Decken, zwei verrostete Töpfe, eine Axt, zwei Gewehre. Auf einer Planke draußen hatten Wind und Regen Buchstaben halb fortgewischt: BR.TAN. .A.
»›Britannia‹«, flüsterte Pencroff. »Das war sein Schiff.«
»Aber wo ist er?« fragte Harbert.
Niemand antwortete.
Sie schliefen in der Hütte. Am Morgen suchten sie weiter. Harbert ging Gemüsesamen sammeln — Kohl, Möhren, Sauerampfer, alles verwildert, aber lebendig. Pencroff und Spilett jagten ein paar Schweine, um sie nach Lincoln mitzunehmen.
Dann, plötzlich, ein Schrei aus dem Wald.
»Harbert!« Pencroff rannte. Spilett rannte. Zwischen den Bäumen lag der Junge am Boden. Über ihm beugte sich eine wilde Gestalt. Kein Tier. Ein Mensch. Lange Haare, ein Bart bis auf die Brust, Augen wie zwei verlöschende Kerzen.
Pencroff sprang dazwischen, Spilett griff zu. Sie hielten den Fremden fest, vorsichtig, ohne Wut. Er wehrte sich kaum. Er sah sie nur an, als wären sie ein vergessener Traum.
»Bist du verletzt?« rief Spilett.
»Nein«, hauchte Harbert. Er rappelte sich auf. »Das ist kein Affe. Das ist ein Mensch.«
Sie banden ihm die Hände, ganz behutsam. Pencroff legte seine Jacke um die mageren Schultern. Niemand sprach laut. Es war, als müsse man leise sein, damit der Funke in den Augen nicht erlosch.
»Du bist nicht mehr allein«, sagte Spilett ruhig.
Der Fremde verstand nicht. Oder verstand er doch? Er ließ sich führen wie ein Schlafwandler. Sie brachten ihn an Bord, gaben ihm Wasser und eine Decke. In der vorderen Kammer kauerte er, still wie ein Stein. Aber als Harbert ihm gebratene Ente reichte, aß er. Heißhungrig. Wie einer, der sich erinnert, was Brot war.
Wusstest du? — Das Kreuz des Südens
Auf der Nordhalbkugel finden Seeleute den Norden am Polarstern. Doch auf der Südhalbkugel sieht man ihn nicht. Dort hilft das Kreuz des Südens: vier helle Sterne, die wie ein schief stehendes Kreuz funkeln. Verlängert man den langen Balken nach unten, zeigt der Punkt am Himmel ungefähr nach Süden. So fanden Schiffer schon vor vielen hundert Jahren den Weg, auch ohne Polarstern und ohne Kompass.
Am nächsten Morgen lichteten sie den Anker. Der Wind drehte. Erst kam er aus Nordwest, dann aus Nord, dann blies er hart und höher. Wellen schlugen über den Bug. Pencroff zog die Mütze ins Gesicht. »Heiliges Tauwerk«, knurrte er. »Das Meer ist heute schlecht gelaunt.«
Sie reffen die Segel. Sie banden sich am Verdeck fest. Eine Sturzsee rollte herein wie ein dunkler Berg und überspülte das ganze Schiff. Wasser stand bis an die Knie. Die ›Bonadventure‹ wurde schwer, träge, gefährlich tief.
»Sie säuft ab!« schrie Pencroff.
Da geschah es. Eine Luke öffnete sich. Der Fremde kletterte heraus. Sein Blick war anders. Klar. Wach. Er griff sich eine Spiere, schlug zwei harte Schläge gegen die Schanzkleidung, und sofort lief das Wasser ab. Das Schiff hob sich, atmete, richtete sich auf. Der Fremde sagte kein Wort. Er stieg wieder hinunter wie ein Schatten.
»Habt ihr das gesehen?« flüsterte Harbert. »Er weiß, wie man ein Schiff rettet.«
»Er war einmal Seemann«, sagte Spilett. »Da drinnen lebt einer.«
Pencroff schluckte. »Bei den Walen«, murmelte er. »Bei den Walen.«

Die Nacht vom achtzehnten auf den neunzehnten Oktober war pechschwarz. Der Wind heulte. Pencroff suchte am Steuer den Horizont ab. Er wusste nicht mehr genau, wo sie waren. Strömungen hatten sie verschoben. Vielleicht zu weit nach Norden. Vielleicht zu weit nach Süden.
Gegen zwei Uhr morgens richtete er sich auf. »Ein Feuer!« rief er. »Ein Feuer!«
Weit voraus, am Rand des Dunkels, glühte ein heller Punkt. Es war kein Stern. Es flackerte. Es brannte. Hoch oben, auf den Klippen.
»Das ist Lincoln!« rief Harbert. »Das ist unser Land!«
Pencroff drehte das Steuer, das Schiff dem Licht entgegen. Wie ein Stern erster Größe stand das Feuer über dem Horizont. Es zeigte ihnen den Weg.
»Cyrus muss es entzündet haben«, sagte Pencroff. »Wer sonst?«
»Ja, wer sonst«, murmelte Spilett.
Im Morgengrauen lief die ›Bonadventure‹ an der Mündung der Mercy auf den Strand. Cyrus und Nab standen schon am Ufer. Nab wirbelte vor Freude, klatschte in die Hände, lachte.
Sie umarmten sich. Sie zeigten den Fremden. Sie erzählten alles — die Hütte, die Bibel, den Sturm, das Feuer.
Pencroff zeigte hinauf zu den Klippen. »Das war gut gemacht, Mr. Cyrus«, sagte er. »Ohne Ihr Leuchtfeuer hätten wir die Insel nicht gefunden.«
Cyrus Smith sah ihn an. Lange. Dann sagte er ruhig, ganz ruhig:
»Ich war es nicht, Pencroff.«
»Aber . . . wer dann?«
Cyrus schwieg.
Niemand wusste eine Antwort.
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Der Morgen über Lincoln roch nach Salz und nassem Holz. Auf dem Plateau der Freien Umschau bückte sich der Fremde von Tabor und zog Unkraut. Er sprach nicht. Er aß wenig. Er schlief unter den Bäumen, nie im Haus.
Cyrus beobachtete ihn von Weitem.
»Lass ihn«, sagte er leise zu Pencroff. »Manche Türen öffnen sich nur von innen.«
Pencroff brummte in den Bart. »Eine Tür, die nichts sagt, ist keine Tür. Das ist eine Wand.«
Doch sie ließen ihn. Tag um Tag. Woche um Woche.
Dann, an einem stillen Nachmittag, fiel dem Fremden die Hacke aus der Hand. Er stand wie aus Stein. Aus seinen Augen liefen zwei Tropfen — langsam, schwer, wie Tau von einem alten Blatt. Cyrus ging zu ihm. Er legte ihm sanft die Hand auf den Arm.
»Mein Freund«, sagte er.
Der Fremde zuckte zusammen, als hätte ihn ein warmer Wind getroffen, den er nicht mehr kannte.
Am Abend sagte Cyrus zu den anderen: »Wer weinen kann, ist wieder Mensch.«

Es dauerte noch viele Tage. Erst kamen einzelne Worte, leise wie Schritte im Sand. »Danke.« — »Ja.« — »Nein, lassen Sie.« Dann ganze Sätze. Schließlich, eines Abends in der Veranda, ein ganzer Name.
»Ayrton«, sagte er. »Ich heiße Ayrton.«
Es klang wie »Ehr-ton«. Harbert sprach es leise nach.
»Ayrton«, sagte Cyrus warm. »Willkommen.«
Da begann der hagere Mann zu erzählen. Stockend. Mit langen Pausen, in denen er die Hände rang.
Er sei früher Seemann gewesen — kein guter. Er habe Fehler gemacht. Schlimme Fehler. Auf einem Schiff, das ›Britannia‹ hieß. Er habe sich mit dem Kapitän gezankt, andere Männer aufgehetzt, das Schiff an sich reißen wollen. Da habe der Kapitän ihn an Land gesetzt. Allein. Auf der kleinen Insel Tabor. »Damit du Zeit hast nachzudenken.«
Zwölf Jahre hatte er Zeit gehabt.
»Ich war so allein«, flüsterte Ayrton, »dass ich das Sprechen verlernt habe. Ich wusste nicht mehr, welcher Monat war. Welches Jahr. Ich wusste manchmal nicht mehr, ob ich noch ein Mensch bin.«
Er senkte den Kopf. »Verzeihen Sie mir. Bitte.«
Lange war es still. Dann stand Cyrus auf und streckte ihm die Hand hin.
»Wer einen Fehler bereut, hat schon den halben Weg zurück«, sagte er. »Den anderen halben gehen wir mit Ihnen.«
Ayrton nahm die Hand. Seine eigene zitterte wie ein Blatt im Wind.
Nab brachte heimlich eine Decke. Harbert legte eine Walnuss neben Ayrtons Teller. Pencroff sagte nichts — aber er gab dem Fremden seine zweitbeste Mütze. Das war, bei Pencroff, fast ein Lied.
Das Leben rollte weiter wie ein Mühlrad.
Und ein Mühlrad — das wollte Cyrus jetzt wirklich bauen.
»Wir haben Getreide bis zum Dach«, sagte er. »Aber kein Mehl. Wir brauchen eine Mühle.«
Pencroffs Augen leuchteten. »Eine Windmühle! Das nenn ich eine Idee. Vier Flügel, ein lustiges Dach — das sieht aus wie ein kleines Schiff, das auf dem Hügel ankert.«
Sie wählten einen Platz nahe dem See. Sandsteine vom Nordufer dienten als Mahlsteine. Aus dem alten Ballonstoff wurden die Flügel. Nab und Pencroff zimmerten Tag für Tag. Ayrton half. Schweigend, fleißig, mit ruhigen Händen.
Als die Mühle stand, blies ein freundlicher Nordwest.
Die Flügel knarrten. Drehten sich. Drehten sich schneller. Drinnen begannen die Steine zu mahlen — schrr, schrr, schrr —, und aus dem Sieb rieselte das erste eigene Mehl auf Lincoln.
Am nächsten Morgen lag auf dem Tisch im Granithaus ein warmer, runder Laib Brot.
Harbert biss zuerst hinein. »Das schmeckt nach Sonne!«
Pencroff biss zweimal. »Das schmeckt nach Heimat.«
Ayrton aß sein Stück langsam. Er kaute jeden Krümel, als wäre er aus Gold.
Wusstest du? — Wie eine Mühle Korn mahlt
Der Wind drückt gegen die schrägen Flügel. Sie drehen sich, und mit ihnen eine dicke Welle aus Holz. Diese Welle treibt einen schweren, runden Stein über einen zweiten, ruhenden Stein. Dazwischen rieseln die Körner. Der obere Stein zerreibt sie zu feinem Mehl. Ein Sieb trennt das Mehl von der harten Schale, der Kleie. So macht Wind aus harten Körnern weiches Brot — ganz ohne Feuer.
Eines Abends trat Ayrton vor Cyrus. Er sah ihn nicht an. »Lassen Sie mich zur Hürde gehen. Zu den Tieren. Sie brauchen jemand. Und ich — ich brauche Stille.«
»Sie wollen ganz allein bleiben?«
»Nicht ganz«, sagte Ayrton leise. »Nur ein wenig.«
Cyrus nickte. »Gut. Aber ein Faden soll uns verbinden.«
Er baute mit Spilett etwas Wunderbares: einen dünnen Eisendraht, vom Granithaus bis hinüber zur Hürde. Mit einer Batterie aus Gläsern, Säure und Zink. Mit einer Nadel, die über einem Kreis voller Buchstaben tanzte.
»Ein Telegraf«, erklärte Cyrus. »Strom fließt durch den Draht. So schnell wie der Blitz. Wir können Worte schicken — Buchstabe für Buchstabe.«
»Heiliges Tauwerk«, staunte Pencroff. »Das ist eine Brieftaube aus Eisen!«
Am ersten Abend tickte die Nadel. Buchstabe — Buchstabe — Buchstabe. »Alles ruhig hier«, las Cyrus. »Ayrton.«
Pencroff lachte laut. »Bei den Walen — er antwortet!«

Die Wochen vergingen. Felder, Hürde, Mühle, Hühnerhof. Manchmal segelten sie mit der ›Bonadventure‹ ein Stück die Küste entlang, um die Insel besser zu kennen.
Dabei entdeckten sie im Nordwesten etwas Eigenartiges.
Senkrechte Klippen aus Basalt fielen ins Meer. Hoch wie sechs Häuser übereinander. Schwarz und glatt wie polierte Tinte. Die Brandung schlug gegen die Felswand — und der Berg gab ein dumpfes Echo zurück, als wäre er innen hohl.
»Da drinnen«, sagte Harbert leise, »ist eine Höhle. Eine riesige.«
Cyrus nickte langsam. »Vielleicht.«
Top stand am Bug. Seine Ohren spitzten sich. Er knurrte. Ganz leise. Genau wie damals am Schacht im Granithaus.
Pencroff schwieg auf der Heimfahrt. Selten genug bei Pencroff.
Am Abend versammelte Cyrus alle im großen Saal. Auch Ayrton war gekommen, auf Cyrus' Bitte. Eine Lampe brannte ruhig. Draußen rauschte das Meer.
»Freunde«, sagte Cyrus. Er sprach leise und klar, wie immer. »Lasst uns einmal zählen.«
Er hob einen Finger.
»Ich wurde aus den Wellen gezogen. Wer hat das getan?«
Ein zweiter Finger.
»Top kam trocken durch den Orkan. Wer hat ihn gerettet?«
Dritter Finger.
»Eine Kiste mit Werkzeug landete an der Strandgutspitze. Wer hat sie gepackt?«
Vierter.
»Eine Bibel mit einem roten Kreuz wies uns einen Weg.«
Fünfter.
»Im Schacht hörte Top jemanden atmen. Aus dem Wasser brach ein Wirbel und tötete den Dugong. Ein Schrotkorn fiel uns vor die Füße. Und an dem Abend, als wir im Sturm heimkamen — da brannte ein Feuer auf den Klippen. Ich war es nicht. Pencroff war es nicht. Harbert nicht, Spilett nicht, Nab nicht, Ayrton nicht.«
Er senkte die Hand.
»Auf dieser Insel«, sagte er ruhig, »lebt jemand, den wir nicht sehen.«
Es war so still, dass man den Docht knistern hörte.
Ayrton schaute auf seine Hände. Pencroff schluckte. Harbert atmete kurz ein.
Da rief Harbert vom Fenster — er war hingelaufen, ohne dass jemand es bemerkt hatte.
»Ein Schiff!«
Alle sprangen auf.
Am Horizont, dort, wo das Meer die Welt berührt, stand ein winziger weißer Strich. Klein wie ein Daumennagel. Aber ein Segel war ein Segel.
Pencroff hob das Fernrohr. Seine Hand zitterte ein wenig.
»Ein Dreimaster«, sagte er heiser. »Er hält auf uns zu.«
Sie standen lange am Fenster. Niemand sprach.
Das Segel am Horizont war noch klein. Aber es kam näher.
Niemand wusste, ob es Hoffnung brachte oder Gefahr.
Mini-Rätsel — Was die Mühle braucht
Eine Mühle hat vier Freunde, ohne die sie nichts mahlt: einen Hauch von draußen, ein Holz, das sich dreht, einen Stein, der reibt, und etwas Goldenes, das fällt. Wie heißen die vier?
(Auflösung am Buchende.)
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Das Segel am Horizont kam näher. Pencroff stand am Fenster des Granithauses und hielt das Fernrohr so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.
»Heiliges Tauwerk«, knurrte er. »Es ist ein Schiff. Eine Brigg.«
»Eine — was?«, fragte Harbert.
»Ein Segler mit zwei Masten«, sagte Cyrus ruhig. »Schau einmal hin, Pencroff. Was siehst du sonst?«
Pencroff drehte das Rohr ein winziges Stück. Sein Bart roch nach Pfeife und Salz. »Schlank wie eine Möwe. Schnell gebaut. Drei Stunden, dann ist sie da.«
Nab brachte Becher mit heißem Tee. »Vielleicht bringt sie Freunde«, sagte er fröhlich. »Vielleicht Briefe.«
»Vielleicht«, sagte Cyrus. Er sagte es so leise, dass Harbert aufhorchte.
Spilett kratzte sich im kurzen Bart. »Ich gehe Ayrton holen. Er war Seemann. Er sieht mehr als wir.«
Cyrus tippte die Nadel des Telegrafen über die Buchstabenscheibe. Punkt — Strich — Punkt. Drüben in der Hürde, fünf Meilen entfernt, klingelte die kleine Weckerglocke.
»Sofort kommen.«
Eine Stunde später stand Ayrton im Saal, hager und ruhig. Er nahm das Fernrohr. Lange schaute er.
»Es ist nicht die Yacht, die Freunde von mir suchen würde«, sagte er schließlich. Seine Stimme war fast ein Flüstern. »Diese hier hat keinen Rauch. Sie segelt nur.«
»Vielleicht spart sie Kohle«, sagte Pencroff.
»Vielleicht.« Ayrton sah zu Cyrus. »Aber mein Herz wird kalt davon.«
Cyrus nickte langsam. Er hatte die Brigg lange beobachtet. Etwas an ihr gefiel ihm nicht — ihre Eile, ihr Bug, ihr Schweigen.
Gegen Abend trat die Brigg in die weite Bucht. Da löste sich der Wind, und die kleine Flagge an der Mastspitze hing schlaff. Pencroff murmelte Farben vor sich hin. »Nicht weiß. Nicht rot. Nicht gelb. Nicht blau.« Ein Windstoß. Das Tuch entrollte sich.
Ayrton zuckte zusammen. »Eine schwarze Flagge.«
Niemand sprach. Nur Top winselte einmal, leise.
»Piraten«, sagte Cyrus ohne Schärfe.
»Tausend Teufel.« Pencroff legte das Rohr weg. »Räuber. Hier draußen. Was sollen wir tun, Cyrus?«
Cyrus stand auf. Er war ruhig wie ein Wassereimer am Morgen. »Wir verschwinden.«
»Verschwinden?«, rief Harbert. »Aber das ist unser Haus!«
»Genau deshalb.« Cyrus legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sie sollen uns nicht sehen. Wer uns nicht sieht, schießt nicht auf uns. Nab, Ayrton — die Flügel der Windmühle herunter, schnell. Harbert, hol Zweige aus dem Wald. Wir hängen sie vor unsere Fenster. Pencroff — kein Feuer, keine Spur, kein Rauch.«
So arbeiteten sie. Ayrton kletterte zur Mühle und löste die Flügel aus Ballonstoff. Harbert schleppte Schlinggewächse, Nab band sie über die Fenster. Bald war das Granithaus eine grüne Wand. Selbst Jup half und reichte mit ernster Miene einen Zweig nach dem anderen.
Die Nacht kam tintenschwarz. Draußen blitzte plötzlich ein greller Funke. Krach! Ein Donner rollte über die See. Ein Kanonenschuss aus der Brigg.
»Sie wollen sehen, wer hier wohnt«, flüsterte Ayrton. »Es ist nur Lärm.«
Die fünf Freunde zählten Sekunden zwischen Blitz und Knall. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Cyrus nickte: »Etwa eine Seemeile. Sie ankert dicht vor uns.«
Wusstest du? — Wie weit ist das Gewitter?
Licht ist schneller als Schall. Wenn ein Blitz zuckt, siehst du ihn fast sofort. Den Donner aber hörst du erst Sekunden später. Zähle die Sekunden zwischen Blitz und Knall! Drei Sekunden bedeuten ungefähr einen Kilometer Entfernung. Sechs Sekunden — schon zwei Kilometer. So weißt du auf der Stelle, ob das Gewitter näher kommt oder weiterzieht. Seeleute zählen genauso bei Kanonen, um zu wissen, wie weit ein fremdes Schiff entfernt liegt.
In dieser Nacht schlief niemand. Ayrton bat Cyrus um etwas Seltsames.
»Lassen Sie mich hinausschwimmen. Ich kenne diese Männer vielleicht. Ich will wissen, wer sie sind und wie viele.«
»Es ist gefährlich, Ayrton.«
»Ich weiß. Aber es ist mehr als meine Pflicht.«
Cyrus drückte ihm die Hand. »Geh mit Gott.«
Ayrton rieb sich gegen die Kälte mit Fett ein und glitt ins schwarze Wasser. Pencroff begleitete ihn bis zur kleinen vorgelagerten Insel und wartete in einer Felsspalte. Stunden vergingen. Dann — Schüsse über dem Meer. Knall, Knall, Knall. Pencroff biss sich auf die Lippe.
Gegen Mitternacht klatschten Schwimmstöße. Ein nasser Schatten zog sich an Land. Ayrton, atemlos, an der Schulter eine kleine Wunde.
»Sie sind etwa fünfzig«, keuchte er, als sie wieder im Granithaus waren. »Ein alter Bekannter führt sie — ein schlechter Mensch. Sie haben vier Kanonen. Sie wollen die Insel als Versteck.«
Nab brachte einen sauberen Lappen. Spilett verband die Schulter. Cyrus sagte nichts. Er ging zum Fenster und blickte ins Dunkel.
»Sechs gegen fünfzig«, murmelte Pencroff. »Bei den Walen, das ist viel.«
»Sechs«, sagte Cyrus. »Und ein Hund. Und ein Affe.« Er sah Pencroff in die Augen. »Und vielleicht jemand, den wir nicht sehen.«
Der Morgen brachte Nebel. Als er aufriss, lag die Brigg da wie ein dunkles Tier. Die Freunde verteilten sich an drei verborgene Posten: am Strand, an der Flussmündung, auf der kleinen Insel. Sie hatten Karabiner und ruhige Hände.
Den ganzen Tag krachten Schüsse über dem Wasser. Boote stießen ab, kamen näher, drehten ab. Die Freunde schossen genau, aber nie zu oft. Wenn die Piraten landen wollten, zielten Ayrton und Spilett über die Köpfe — und die Räuber rissen die Ruder herum. Niemand auf der Insel wurde verletzt.
Doch dann lichtete die Brigg ihre Anker. Langsam, drohend, segelte sie in den schmalen Kanal vor dem Granithaus. Ihre Kanonen drehten sich. Sie wollte das Felsenhaus selbst beschießen.
Die Freunde zogen sich ins Innere zurück. Eine Kugel zerriss den grünen Zweigvorhang. Eine zweite schlug Steinsplitter aus der Wand.
»Sie haben uns gefunden!«, rief Pencroff. »Was nun, Cyrus?«
Cyrus antwortete nicht sofort. Er sah hinaus aufs Meer. Das Wasser war still. Zu still.
Da geschah es.
Am Horizont, weit hinten, drehte sich etwas. Erst sah es aus wie eine graue Säule. Dann wuchs sie. Dann wirbelte sie. Eine Hose aus Wasser — riesenhaft, lebendig, schwarz unten und weiß oben — kam mit unglaublicher Geschwindigkeit über die See gerast. Sie heulte wie ein wildes Tier.
»Eine Wasserhose!«, schrie Harbert.
Sie zog mitten auf die Brigg zu, als wäre sie gerufen worden.
Pencroff vergaß die Kanonen. Nab vergaß das Atmen. Jup hielt sich an Harberts Bein fest.
Die Brigg versuchte zu wenden. Zu spät. Die Wasserhose schlug auf das Schiff, packte die Masten wie ein Riese, hob den Bug aus dem Meer, drehte ihn, ließ ihn fallen. Holz knirschte. Ein dumpfer Knall rollte. Ein einziger Schrei stieg auf, dann schluckte das Wasser alles.
Zehn Sekunden — länger nicht.
Wo die Brigg gewesen war, schäumte das Meer kurz auf. Dann glitt die See zurück, glatt wie zuvor, als wäre nichts gewesen.
Die Freunde standen am Fenster, mit offenen Mündern. Nab bekreuzigte sich. Spilett legte seinen Bleistift langsam aus der Hand.
»Bei allen Sternen«, flüsterte Pencroff. »Hat das eben jemand gesehen?«
»Wir alle«, sagte Spilett heiser.
Später erzählte man sich, einige wenige Männer hätten das Ufer an der Strandgutspitze erreicht — keiner wusste es genau. Die Insel war gerettet. Die schwarze Flagge war fort.

Sie stiegen hinab an den Strand. Möwen kreisten leise. Eine zerbrochene Planke trieb heran, sonst nichts.
Cyrus stand lange am Wasser und sagte nichts. Pencroff trat zu ihm.
»Cyrus«, sagte er leise. »Eine Wasserhose. Genau in diesem Augenblick. Genau auf dieses Schiff.« Er schluckte. »Das war doch kein Zufall, oder?«
Cyrus schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Pencroff. Das war kein Zufall.«
»Aber — wer dann?«
Cyrus hob den Blick zu den schwarzen Basaltklippen im Nordwesten. »Derselbe«, sagte er, »der schon so vieles getan hat. Wir sind nicht allein auf dieser Insel. Wir waren es nie.«
Harbert, der näher gekommen war, sah seinen Freund mit großen Augen an. »Wir müssen ihn finden«, sagte er. »Wir müssen ihm danken.«
Top stand neben ihnen am Wasser und knurrte ganz leise gegen die nördlichen Klippen.

Wo das Schiff gewesen war, gluckste leise die See. Cyrus stand lange am Ufer und sagte nichts.
Mini-Rätsel
Der Blitz zuckt — sechs Sekunden später kracht der Donner. Wie weit ist das Gewitter entfernt?
(Auflösung am Buchende.)
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Das Meer hatte sich beruhigt. Doch in den Köpfen der Inselfreunde tobte noch der Sturm vom Vortag. Wo eben noch eine Brigg mit schwarzer Flagge gelegen hatte, kräuselten sich nur kleine Wellen. Pencroff stand am Ufer und kratzte sich den Bart.
»Heiliges Tauwerk«, brummte er. »Das Meer hat ganz vergessen, was hier los war.«
»Aber wir nicht«, sagte Cyrus leise.
Bei Ebbe stieg etwas Dunkles aus dem Wasser. Erst ein Mast. Dann ein Stück Kiel. Die ›Speedy‹ war wieder da — kieloben, zerschmettert, ein toter Wal aus Holz und Eisen.
Ayrton und Pencroff ruderten in der Piroge hinaus. Sie zogen Fässer an Land. Sie hoben Kisten aus dem Bauch des Schiffes. Werkzeug klirrte. Säcke voller Saatkörner schaukelten an Tauen. Stoffe, Schuhe, Nägel, ein kleiner Amboss, ein Beil, sogar zwanzig kupferne Tonnen mit trockenem Pulver.
»Bei den Walen«, lachte Pencroff. »Wir sind über Nacht reich geworden!«
Harbert kletterte über die nassen Bretter und staunte. »Schau, Cyrus! Echtes Tuch! Und Nägel — richtige Nägel!«
Nab hob einen Kasten voller Saatkörner. »Bei Cyrus' guter Laune«, rief er, »jetzt wachsen uns auch noch fremde Blumen!«
Drei Tage lang schleppten sie. Drei Tage lang strahlten die Gesichter. Nur Cyrus blieb still. Er ging um das Wrack herum, klopfte ans Holz, kniff die Augen zusammen.
Am vierten Tag fand Nab etwas Seltsames im Sand. Ein zerfetztes Stück Eisenrohr, verbogen, mit aufgerissenen Rändern.
»Mr. Cyrus, was ist das?«
Cyrus nahm das Stück in die Hand. Er drehte es. Er roch daran. Sein Gesicht wurde sehr ernst.
»Das, mein Freund«, sagte er, »ist die Antwort auf eine Frage, die ich seit gestern stelle.«
»Welche Frage?« fragte Harbert.
»Wer hat die ›Speedy‹ versenkt.«
Pencroff trat näher. »Die Wasserhose, Mr. Cyrus! Wir haben es doch alle gesehen.«
»Ja«, antwortete der Ingenieur ruhig. »Aber etwas hat die Wasserhose gemacht. Etwas unter Wasser.« Er hielt das Eisenrohr hoch. »Das hier. Ein Torpedo.«
»Ein Tor– was?«
»Ein Topf voll Sprengstoff, der unter Wasser explodiert. Er hebt das Meer wie eine Faust. Er zerreißt ein Schiff von unten.«
Spilett zog die Augenbrauen hoch. »Aber wer hat ihn dort versenkt?«
»Ich nicht«, sagte Cyrus. »Und ihr auch nicht.«
Eine Möwe schrie über ihnen. Niemand sprach. Dann sagte Cyrus leise, fast für sich:
»Auf dieser Insel lebt ein Helfer. Und er ist stärker, als wir geahnt haben.«

Wusstest du? — Der Telegraf
Wenn du zwei Drahtenden an eine Batterie hältst, fließt Strom hindurch. Ein Telegraf nutzt das wie eine Geheimsprache. Du drückst eine Taste — zack, der Strom geht. Du hebst sie — der Strom hört auf. Kurze Stöße sind Punkte, lange Stöße sind Striche. So reisen Wörter aus Funken über lange Drähte. Auf Insel Lincoln summt eine solche Leitung vom Granithaus bis zur Hürde — fünf Meilen weit, schneller als jeder Bote.
Erfinder-Steckbrief — Samuel Morse
Lebte: 1791–1872 Erfindung: der Morse-Code und ein einfacher Schreibtelegraf Geschichte: Samuel war eigentlich Maler. Doch auf einer Schiffsreise hörte er, wie Strom in Sekunden durch lange Drähte huschen kann. Da packte ihn die Idee: »Wenn der Strom so schnell ist — kann er nicht auch sprechen?« Er erfand eine Sprache aus Punkten und Strichen. Ein kurzer Funke, ein langer Funke. Heute noch klingt ·−· für »R« und −·− für »K«. Schiffe in Not funkten damit das berühmte SOS — und retteten Tausende Leben.
Eine Woche später summte das Granithaus vor Leben. Auf dem Plateau wuchsen Kohlköpfe groß wie Kürbisse. Im Magazin stapelten sich die geretteten Schätze. Jup trug Hammer hin und her, als wäre er Lehrling und Meister zugleich.
Doch dann, kurz vor dem Abendessen, zerriss ein Geräusch die Ruhe. Klick — klack — Stille. Der kleine Hebel am Telegrafen-Apparat zitterte, fiel um — und blieb stumm.
Cyrus' Hand schoss vor. Er drückte die Taste. Nichts. Er drückte noch einmal. Wieder nichts.
»Die Leitung ist tot«, sagte er. »Ayrton antwortet nicht.«
»Vielleicht ist er beim Vieh«, meinte Nab.
»Vielleicht«, sagte Cyrus. »Aber wir gehen sofort.«
Sie nahmen Karabiner. Sie nahmen Pulverhörner. Top sprang voraus, die Nase im Wind.
Der Weg führte durch hohes Gras und schattige Buchen. Spilett ging mit langen Schritten. Harbert blieb dicht bei Pencroff. Über ihnen lief der Telegrafendraht von Pfahl zu Pfahl — ein dünner Faden zwischen Freunden.
Nach zwei Meilen rief Harbert: »Schau! Der Draht!«
Ein Telegrafenmast lag quer über dem Weg. Der Draht war zerrissen, das Holz frisch gebrochen. Pencroff bückte sich. Er roch am Holz.
»Kein Wind«, knurrte er. »Hände.«
Cyrus nickte stumm.
Sie liefen nun schneller. Die Sonne stand schon tief. Top knurrte leise, einmal, zweimal. Sein schwarzes Fell sträubte sich am Rücken. Pencroffs Hand umklammerte den Karabiner so fest, dass die Knöchel weiß wurden.
Vor ihnen tauchte die hohe Holzpalisade der Hürde auf. Das Tor war geschlossen. Kein Blöken. Kein Pfeifen. Kein Ayrton.
»Mir gefällt das nicht«, flüsterte Pencroff.
Cyrus hob die Hand. »Leise. Ganz leise.«
Sie schlichen über die letzten Meter. Das Gras zischte unter ihren Stiefeln. Eine Drossel pfiff, brach ab. Dann nur noch das Klopfen ihrer eigenen Herzen.
Cyrus legte die Hand an den Riegel des Tors. Top fletschte die Zähne. Er kläffte — einmal, kurz, scharf.
Aus dem Dickicht knallte ein Schuss.
Harbert stand sehr still. Dann sank er langsam zur Seite. Sein Hut fiel ins Gras. Sein Gesicht war ganz weiß.
»Harbert!« schrie Pencroff.
Der Seemann warf seinen Karabiner weg. Er war mit zwei Sprüngen bei dem Jungen, hob ihn hoch, presste ihn an seine Brust.
»Mein Junge«, keuchte er. »Mein Junge, mein Junge.«
Cyrus war schon woanders. Er sprang an der Palisade entlang, sein Dolch blitzte. Hinter einem Strauch raschelte es. Ein Schatten huschte. Top setzte ihm nach, ein schwarzer Blitz mit weißer Brust. Aus dem Wald kam ein gellender Ruf, dann Stille.
Spilett kletterte mit Pencroff in die Hürde. Sie legten Harbert auf das schmale Lager, auf dem sonst Ayrton schlief. Pencroff strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. Seine Hände zitterten.
»Spilett«, flüsterte er. »Sagt mir, dass er lebt.«
Der Reporter beugte sich tief über Harbert. Er legte das Ohr an die Brust. Er hielt die Wange dicht ans Gesicht des Jungen. Sekunden vergingen wie Stunden.
»Er atmet«, sagte Spilett endlich. »Schwach. Aber er atmet.«
Cyrus kam zurück, allein, das Tor warf er hinter sich zu. »Riegel vor«, sagte er. »Sie sind im Wald. Wer weiß, wie viele.«
Spilett tauchte ein Tuch in kaltes Quellwasser und legte es Harbert auf die Schulter. Der Junge stöhnte leise — ein guter Laut, der schönste in dieser Stunde.
»Kaltes Wasser«, murmelte der Reporter wie ein Gebet. »Kaltes Wasser, immerzu. Und Ruhe.«
Draußen senkte sich die Dämmerung über die Hürde. Cyrus schob den dicken Holzriegel vor das Tor. Er stellte den Karabiner ans Fenster. Nab — nein, Nab war im Granithaus geblieben, allein mit Jup und Top am Aufzug. Nab wusste nichts. Niemand wusste etwas.
Die Belagerung hatte begonnen.
Pencroff saß auf einem Schemel neben dem Bett. Er hielt Harberts Hand in seiner großen, schwieligen Hand, ganz vorsichtig, als hielte er ein Vogelei.

»Halt durch, Junge«, flüsterte er. »Hörst du? Halt durch.«
Mini-Rätsel
Im Morse-Code ist · ein Punkt und − ein Strich. Drei Punkte sind das »S«. Drei Striche sind das »O«. Welches berühmte Notsignal funkt man mit ··· −−− ··· ?
(Auflösung am Buchende.)
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Pencroff hielt Harberts Hand. Er ließ sie nicht los. Draußen kroch der Morgen über die Palisade. Drinnen schlief Harbert mit heißen Wangen. Sein Atem ging schnell wie ein kleiner Vogel.
»Halt durch, Junge«, flüsterte der Seemann. »Hörst du?«
Cyrus tauchte ein Tuch in kaltes Wasser. Er legte es Harbert auf die Stirn. Spilett zerstieß zwischen zwei Steinen ein Stück Weidenrinde. Es roch bitter. Es roch nach Wald und nach Hoffnung.
»Weidenrinde«, sagte Spilett leise. »Sie kühlt das Fieber. Ein wenig nur. Aber sie hilft.«
Nab war fern, im Granithaus, allein. Ayrton war verschwunden. Im Wald lauerten fünf bewaffnete Männer. Doch hier, in Ayrtons kleinem Häuschen in der Hürde, gab es nur eine Aufgabe: Harbert sollte leben.

Tag um Tag verging. Pencroff erfand Geschichten am Bett. Geschichten von Walen, von singenden Möwen, von Schiffen, die niemals sanken. Wenn Harbert lächelte, lächelte Pencroff zurück. Wenn Harbert die Augen schloss, drehte sich Pencroff zur Wand. Seine Schultern bebten leise.
»Ein schlechter Scherz, eine Kugel«, brummte er. »So ein dummer, schlechter Scherz.«
Cyrus hielt Wache am Fenster. Sein Blick wanderte über die Palisade. Manchmal knurrte Top am Tor. Dann erstarrten alle. Doch der Hund legte sich wieder, und es blieb still.
Am elften Morgen bellte Top plötzlich kurz und freundlich. Ein Körper schwang sich über den Zaun. Pelzig, rotbraun, mit großen Augen.
»Jup!«, rief Pencroff.
Der Orang-Utan trippelte herein. An seinem Hals hing ein kleines Säckchen. Cyrus öffnete es behutsam. Ein Stück Papier fiel heraus. Nabs Schrift, hastig, krumm.
Plateau von den Räubern besetzt. Mühle brennt. Felder zertreten. Nab.
Pencroff stieß ein gepresstes Wort aus. Spilett drückte ihm die Schulter. »Wir gehen«, sagte Cyrus. Seine Stimme war leise und sehr klar. »Jetzt. Mit Harbert. Vorsichtig.«
»Mr. Cyrus«, flüsterte Harbert vom Lager her. Er hatte gehört. »Ich kann den Weg. Ich will heim.«
Sie polsterten den kleinen Wagen mit allem, was sie hatten. Decken, Schaffelle, weiches Heu. Pencroff schirrte das Onager ein. Cyrus prüfte die Gewehre. Spilett bettete Harbert wie einen schlafenden Bruder.
»Sanft«, sagte er. »Schritt für Schritt.«
Das Tor knirschte. Jup hockte am Rand des Wagens. Top trabte voraus, die Nase im Gras. Der Wald roch nach Harz und feuchtem Moos.
Fünf Meilen. Fünf lange Meilen. Jeder Stein ein Schreck. Jeder Schatten ein Schütze. Cyrus hob die Hand, der Wagen hielt. Cyrus senkte sie, der Wagen rollte. Niemand sprach. Nur das Onager schnaubte, als hätte es verstanden.
Dann, nach Stunden, lichtete sich der Wald. Über dem Plateau hing schwarzer Rauch wie ein zerrissenes Tuch.
»Oh, die Schurken«, knirschte Pencroff.
Nab kam ihnen entgegen. Sein Hemd war rußig, sein Gesicht müde. »Sie sind fort«, sagte er. »Vor einer halben Stunde. Die Mühle, der Hühnerhof, die Felder — alles dahin.« Er beugte sich über den Wagen. »Und Harbert?«
Harbert lag still. Sehr still.
Sie trugen ihn behutsam zum Aufzug. Sie hoben ihn in sein Zimmer hinauf, hoch über der Brandung. Das Fenster stand offen. Der Wind kam vom Meer und legte sich wie eine kühle Hand auf Harberts Stirn.
»Schlaf«, flüsterte Cyrus. »Du bist daheim.«
Doch die schwerste Zeit kam erst.
In der Nacht packte den Jungen ein neues Fieber. Es kam in Wellen, wie ein Sturm, der drei Tage lang nicht müde wird. Erst froren ihm Hände und Ohren. Dann brannten Stirn und Wangen. Dann brach Schweiß aus. Dann war er still. Und dann begann es von vorn.
»Wechselfieber«, sagte Spilett bedrückt. »Es kommt und geht in Anfällen. Und es nistet sich tiefer ein, wenn man es nicht bricht.«
»Womit bricht man es?«, fragte Pencroff heiser.
»Mit Chinin«, sagte Spilett. »Einem bitteren Pulver. Aus der Rinde eines fernen Baumes.« Er senkte den Blick. »Wir haben keines.«
Sie hatten Weidenrinde. Sie zermahlten sie. Sie gaben sie ihm in heißem Aufguss. Es half. Ein wenig. Es war zu wenig.
Cyrus saß die ganze Nacht am Bett. Nab brachte Tee, den niemand trank. Top legte den Kopf auf Harberts Hand. Jup hockte stumm in der Ecke, eine Walnuss in der Pfote, vergessen, ungeknackt.
Im Morgengrauen — es war der achte Dezember — wankten Pencroffs Knie. Er trat ans Fenster, um die Tränen wegzuwischen, die er nicht weinen wollte. Da fiel sein Blick auf den Nachttisch.
Er stutzte. Er trat näher. Er starrte.
»Mr. Cyrus«, sagte er mit einer Stimme, die nicht seine war.
Auf dem hellen Holz lag ein Schächtelchen. Klein, länglich, sauber verschlossen. Auf dem Deckel stand in feiner Schrift ein einziges Wort.
Chinin.
Cyrus hob das Schächtelchen langsam hoch. Er drehte es im Licht. Es war leicht und kühl. Er öffnete es. Ein weißliches Pulver, bitter wie tausend Mandeln.
»Wer …«, hauchte Pencroff.
Niemand antwortete. Niemand konnte antworten. Die Tür war verschlossen. Das Fenster lag hoch über der Brandung. Top hatte nicht gebellt.
Cyrus löste eine Prise in heißem Aufguss. Spilett flößte Harbert die Mischung Tropfen für Tropfen ein.
Wusstest du? — Chinin und die Rinde des Wunderbaums
Chinin (sprich »Schi-nin«) ist ein bitteres Pulver. Es wird aus der Rinde des Chinarinden-Baums gewonnen, der hoch in den Anden Südamerikas wächst. Schon vor vielen hundert Jahren kannten die Menschen dort sein Geheimnis: Wer heftiges Wechselfieber bekommt, dem hilft ein Schluck von dem bitteren Tee. Auch heute gibt es noch viele Heilpflanzen — Kamille gegen Bauchweh, Spitzwegerich gegen Husten, Salbei für den Hals. Manche wachsen sogar in deinem Garten und können kleine Wunder vollbringen.
Stunden vergingen. Das Fieber kam wieder, schwach diesmal, wie ein Wind, der seinen Weg verloren hatte. Dann ging es. Und kehrte nicht zurück.
Am Mittag öffnete Harbert die Augen. Er sah Pencroff. Er lächelte. »Pencroff«, flüsterte er. »Riech ich Nabs Suppe?«
Pencroff lachte und schluchzte zugleich. »Bei den Walen, Junge«, sagte er und drückte ihm die Hand. »Du bleibst bei uns.«

Wochen vergingen. Harbert aß wieder, stand auf, ging am Strand. Sein Lachen klang wie früher. Die Wangen färbten sich, die Augen blitzten. Pencroff nannte Spilett von nun an nur noch »Doktor Spilett«. Der wirkliche Doktor aber — der Doktor, der das Schächtelchen gebracht hatte — blieb verschwunden.
Im Februar war Harbert ganz genesen. Die Kolonisten rüsteten sich für die große Suche. Sie wollten zwei Dinge finden: Ayrton und ihren Schutzgeist. Sie luden den Wagen, sie schärften die Beile, sie banden die Schaffelle fest.
Drei Tage zogen sie durch den Fernen Westen. Sie sahen Kauribäume, so hoch wie ein dreißigstöckiges Haus. Sie sahen Emus, große Vögel mit langen Beinen, die schneller liefen als Top. Sie fanden Spuren — fünf Paar Fußabdrücke an einer kalten Feuerstelle. Aber kein sechstes Paar. Kein Schritt von Ayrton.
Am vierten Tag erreichten sie die Hürde. Das Tor war von innen verriegelt.
»Vorsichtig«, sagte Cyrus.
Sie kletterten leise über die Palisade. Sie öffneten Ayrtons Hütte. Und da lag er. Ausgemergelt, hager, die Wangen tief eingefallen. Aber er atmete. Er lebte.
»Ayrton«, sagte Spilett warm.
Ayrton schlug die Augen auf. »Ihr«, flüsterte er. »Ihr seid gekommen.« Er suchte Worte. Er fand nur eines: »Danke.«
Sie gaben ihm Brot und Wasser, langsam, in kleinen Stücken. Er erzählte stockend. Wie die fünf Männer ihn überfielen. Wie sie ihn einsperrten. Wie sie ihn vergaßen, als sie auf das Plateau zogen. Wie er Tage und Nächte allein war, ohne zu wissen, ob die Freunde noch lebten.
»Und die fünf?«, fragte Pencroff.
Ayrton schüttelte schwach den Kopf. »Verschwunden. Eines Morgens war es still. Kein Schritt mehr. Kein Schuss. Wie vom Erdboden geschluckt.«
Cyrus stand am Fenster. Er sah über die Palisade in den dämmernden Wald hinaus. Verschwunden. Fünf Männer, mit Gewehren, mit Pulver, mit bösem Plan — einfach verschwunden.
Er zog das leere Chinin-Schächtelchen aus der Tasche. Er hatte es immer bei sich. Er drehte es zwischen den Fingern. Das Holz war glatt vom vielen Halten.
»Es ist Zeit«, sagte Cyrus. Seine Stimme war leise, aber sie füllte das Zimmer. »Es ist Zeit, dass wir unseren Schutzgeist suchen.«
Pencroff hob den Kopf. Spilett legte die Hand auf Ayrtons Schulter. Top spitzte die Ohren. Draußen sank die Sonne hinter den Berg Franklin und färbte die Wipfel kupfern.
Niemand wusste, wo der Unbekannte wohnte. Niemand wusste, wie er aussah. Niemand wusste, ob er sich finden ließ.
Aber alle wussten: Sie würden nicht eher ruhen, bis sie ihm Danke sagten.
Mini-Rätsel
Im Garten wachsen kleine Helfer. Welche drei Heilpflanzen kennst du selbst? (Tipp: eine gegen Bauchweh, eine gegen Husten, eine für den Hals.)
(Auflösung am Buchende.)
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Der April brachte goldene Tage und kühle Abende. Auf der Werft neben den Kaminen wuchs ein neues Schiff. Es sollte größer werden als die alte ›Bonadventure‹ — groß genug für eine lange Reise.
»Bei den Walen«, sagte Pencroff und strich über den frisch gehobelten Kiel. »Dieser hier könnte uns sogar nach Hause tragen.« Sein Bart roch nach Pech und Holzspänen.
»Vielleicht«, antwortete Cyrus leise. »Vielleicht eines Tages.«
Ayrton schwang das Beil, Harbert reichte die Nägel, Nab sang halblaut bei der Schmiede. Jup schleppte abgeästete Stämme auf seinen breiten Schultern. Wer ihn so sah, hätte ihn nicht gegen zehn Hafenarbeiter eingetauscht.
Doch zwischen jedem Hammerschlag hörte Cyrus den anderen Ton: das stille Rätsel der Insel. Sieben Monate lang hatte sich ihre geheimnisvolle Hand nicht mehr gezeigt. Aber das Schächtelchen Chinin lag in seiner Tasche wie ein leiser Pulsschlag.
Über dem Berg Franklin hing seit dem 7. September eine dünne Rauchfahne. »Der Vulkan atmet wieder«, hatte Cyrus gesagt — nicht laut, nicht ängstlich. Nur ernst.
So vergingen Wochen. Mitte Oktober war das Rippenwerk fertig. An einem Abend saßen die Freunde nach dem Essen beisammen. Harbert gähnte, Pencroff streckte sich.
Da klingelte es.
Klar und scharf schlug das Hämmerchen des Telegrafen im Saal an. Alle erstarrten. Niemand war in der Hürde. Niemand konnte rufen.
»Hat der Wind den Draht angetippt?« flüsterte Nab.
Es klingelte ein zweites Mal.
Cyrus trat an den Apparat. Seine Finger waren ruhig. Was begehrt Ihr?, klopfte er. Die Antwort kam Buchstabe um Buchstabe über die Scheibe:
Kommt sofort zur Hürde.
»Endlich«, sagte Cyrus.
Sie warfen Mäntel über. Top und Jup blieben zurück. Draußen war Neumond, der Himmel schwer wie nasse Wolle. In der Ferne flackerte Wetterleuchten. Sie liefen den Weg, den sie hundertmal gegangen waren, doch heute war jeder Schritt ein Pochen.
Als sie das Tor der Hürde erreichten, krachte der erste Donner über die Insel.
Im Häuschen war niemand. Keine Kerze. Nichts. Nur auf dem Tisch lag ein Blatt Papier. Harbert hob es hoch.
»›Folgt der neuen Leitung‹«, las er.
Cyrus trat vors Haus. Vom Telegrafenpfahl hing ein zweiter Draht herab, dick umwickelt wie ein Unterseekabel. Er führte hinaus in den Wald, südwestwärts, dorthin, wo niemand je einen Draht gelegt hatte.
»Ihm nach«, sagte Cyrus.
Wusstest du? — Wie ein U-Boot taucht
Ein U-Boot ist ein Schiff, das wie ein Fisch im Meer schweben kann. In seinem Bauch hat es große Tanks. Will es tauchen, lässt es Wasser hineinströmen — das Schiff wird schwerer und sinkt. Will es wieder hoch, drückt es mit Pressluft das Wasser hinaus. Dann wird es leichter und steigt nach oben. So kann es vorsichtig in die Tiefe gleiten — und genauso ruhig wieder ans Licht.

Der Sturm warf ihnen Regen ins Gesicht. Blitze zerschnitten den Himmel. Der Draht lag mal über Wurzeln, mal direkt im Moos, manchmal verlor er sich zwischen Steinen — dann fand Ayrton ihn wieder. Sie kletterten einen Bergrücken hinauf und stiegen jenseits hinab, durch eine Wildnis aus Basaltblöcken, bis die See unter ihnen tobte. Die Klippen fielen senkrecht in die Tiefe — so hoch wie ein vierzigstöckiges Haus.
Der Draht bog ab und zog sich in einen schmalen Hohlweg hinunter. Steine rollten unter ihren Stiefeln. Cyrus ging voran, Ayrton schloss den Zug. Endlich erreichten sie das Wasser.
Und dort verschwand der Draht — im Meer.
Pencroff stöhnte. »Bei den Walen! Sollen wir schwimmen?«
»Es ist Flut«, sagte Cyrus ruhig. »Wir warten.«
Sie kauerten sich unter einen Felsvorsprung. Der Donner rollte. Das Wasser sank, sank, sank. Nach einer Stunde hob sich ein dunkler Bogen aus den Wellen — eine Höhlenöffnung, vorher verborgen, jetzt frei. Im Wasser darunter lag, an einem Tau festgemacht, ein Boot aus Eisenblech.
»Einsteigen«, sagte Cyrus.
Nab und Ayrton griffen zu den Rudern. Pencroff ans Steuer. Cyrus stand mit der Fackel im Bug. Das Boot glitt unter die Wölbung.
Sie fuhren in eine Stille, wie sie keiner kannte. Kein Donner mehr. Nur das leise Plätschern der Ruder. Die Höhle schwoll auf — höher, breiter, riesig.
Dann sahen sie das Licht.
Es war kein Feuer. Es war weiß, ruhig, gleichmäßig — und so hell, dass die Basaltsäulen darum funkelten wie tausend Diamanten. In der Mitte des unterirdischen Sees schwamm ein langer, glatter Körper aus Eisen, so groß wie zwei Häuser hintereinander. Aus seinen Seiten strahlte das Licht durch dicke Glasfenster.
»Schau«, flüsterte Harbert. »Ein Schiff aus Stahl.«
»Die ›Nautilus‹«, sagte Cyrus leise.
Sie legten an. Eine Luke stand offen. Hinunter führte eine Treppe in einen Gang, dann durch einen reichgeschmückten Saal in einen weiteren Raum. Bilder hingen an den Wänden, Statuen standen auf Sockeln, eine Orgel ragte zur Decke. In einem großen Aquarium glitten Fische zwischen Korallen.
Auf einem Diwan lag ein sehr alter Mann. Sein Haar war weiß wie Schnee, sein Bart lang, seine Augen dunkel und still.
Cyrus trat heran und sagte mit ruhiger Stimme: »Kapitän Nemo — Sie haben uns gerufen. Hier sind wir.«
Der Alte hob den Kopf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, müde, aber nicht traurig.
»Sie kennen meinen Namen?«
»Ich kenne ihn«, antwortete Cyrus.
Der Kapitän bat sie mit einer Geste, zu ihm zu treten. Seine Stimme war leise wie ferne Glocken.
»Ich hatte einmal ein Land«, sagte er, »und Menschen, die ich liebte. Beides habe ich verloren.« Er machte eine kleine Pause. »Mein Name war Prinz Dakkar. In einem Krieg, der lange her ist, wurde mir alles genommen — meine Heimat, mein Vater, meine Frau, meine Kinder. Da zog ich mich zurück, wohin niemand mir folgen konnte: in die Tiefe des Meeres. Mit Freunden baute ich dieses Schiff. Wir nannten es ›Nautilus‹. Es war unser Zuhause für viele Jahre.«
Er schloss kurz die Augen. »Meine Freunde sind nun alle gestorben. Ich blieb allein. Vor sechs Jahren brachte ich die ›Nautilus‹ in diese Höhle, um hier zu warten.« Er sah Cyrus an. »Dann fiel ein Ballon aus dem Himmel. Ich sah einen Mann ins Meer stürzen und holte ihn heraus.«
Pencroff schlug sich an die Brust. »Bei den Walen!«
»Ich beobachtete euch«, fuhr Nemo fort. »Lange. Ihr halft euch, ihr halftet einander. Ihr waret tapfer und gut. Und so half ich manchmal mit. Der Dugong, der Top angriff. Die Kiste an der Strandgutspitze. Das Schächtelchen für den Jungen, als das Fieber kam. Das Feuer auf der Klippe, das euer Schiff zurückrief. Und — der Torpedo unter der ›Speedy‹.«
»Und die fünf Räuber?« fragte Spilett leise.
Nemo blickte in die Ferne. »Ich habe sie aus ihrem Versteck vertrieben. Mehr sage ich nicht.«
Cyrus nahm seine Hand. Sie war warm, aber sehr leicht. »Sie waren unser Schutzgeist, Kapitän. Wir danken Ihnen.«
»Ich danke euch«, antwortete Nemo. »Ihr habt mich mit den Menschen versöhnt.«
Er deutete auf eine kleine Schatulle aus dunklem Holz neben dem Diwan.
»Nehmt sie«, sagte er. »Perlen und Diamanten aus den Tiefen des Ozeans. Für eure Zukunft. Baut, was ihr bauen wollt.«
Harbert kniete am Diwan nieder. Nemo legte ihm die Hand aufs Haar. »Mein Kind«, flüsterte er, »Gott segne dich.«
Erfinder-Steckbrief — Robert Fulton
Lebte: 1765–1815 Erfindung: eines der ersten tauchenden Boote — und das erste praktische Dampfschiff Geschichte: Schon vor über zweihundert Jahren baute Robert Fulton in Paris ein kleines Boot, das unter Wasser fahren konnte. Es hatte einen runden Bauch und ein Segel an Deck, das man einklappen konnte. Fulton nannte es ›Nautilus‹ — nach einer Meeresschnecke, die in einer schönen Spiralschale lebt. Jules Verne fand den Namen so wunderbar, dass er ihn später für das Schiff seines Kapitäns Nemo lieh. So leben Erfindungen weiter — manchmal in Maschinen, manchmal in Geschichten.
»Eine Bitte habe ich noch«, sagte Nemo. »Lasst mich auf der ›Nautilus‹ bleiben. Sie war mein Haus, sie sei mein letztes Schiff. Öffnet morgen die Hähne, und sie wird sich sanft auf den Grund der Höhle legen. Mit mir.«
»Wir versprechen es«, sagte Cyrus.
Der Kapitän atmete tief. Sein Lächeln wurde weich. »Es war gut«, sagte er leise. »Es war gut, euch zu kennen.« Dann schloss er die Augen, als hätte er ein langes Buch zu Ende gelesen. Es wurde still im Salon.
Lange standen die fünf Freunde am Diwan. Niemand sprach.

Am Morgen — Stunden später, denn keiner wusste mehr, wie viel Zeit vergangen war — trugen sie die Schatulle und ein paar Bücher hinaus ins Boot. Sie öffneten, wie versprochen, die Hähne der Ballasttanks. Wasser strömte ein. Langsam, ganz langsam, sank das große Eisenschiff tiefer in das stille Wasser der Höhle. Das weiße Licht erlosch nicht plötzlich — es wurde sanfter, blasser, wie eine Sonne, die untergeht. Dann verschwand die ›Nautilus‹ im dunklen Grund.
Die Freunde ruderten zurück durch den langen Tunnel. Bei Ebbe traten sie hinaus ins Tageslicht. Die See war ruhig. Über dem Berg Franklin stand wieder eine dünne Rauchsäule.
Lange standen die fünf Freunde am Felsenfenster und sahen ins schwarze Wasser hinab.
»Er war ein guter Mensch«, sagte Nab leise. »Auf seine Art.«
Mini-Rätsel
Drei der vielen Wunder, die ihr Schutzgeist tat — könnt ihr sie noch nennen? (1) Was lag eines Morgens neben Harberts Bett? (2) Was leuchtete auf den Klippen, als die ›Bonadventure‹ heimkehrte? (3) Was sprengte die Piratenbrigg?
(Auflösung am Buchende.)
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Der Sommer wollte nicht heiter werden. Über dem Berg Franklin hing eine Wolke wie ein graues Tuch. Sie roch nach Schwefel und alter Asche. Die fünf Freunde arbeiteten am Strand. Sie hämmerten, sägten, paßten Planken. Aber jeder Blick ging zwischendurch nach Norden hinauf.
»Heiliges Tauwerk«, knurrte Pencroff. »Der Riese raucht jetzt wie ein nasser Schornstein.«
Cyrus stand mit der Hand über den Augen. Die Säule über dem Krater war breit und dunkel. Unten so dick wie ein Turm, oben so breit wie ein Pilzhut. »Das sind nicht mehr nur Dämpfe«, sagte er leise. »Da unten brennt etwas.«
»Brennt was, Cyrus?«, fragte Harbert.
»Der Berg selbst.«
Nab legte das Beil hin und horchte. Tief im Boden lief ein Rollen, wie ein Wagen mit Eisenstangen. Es wuchs, ebbte ab, wuchs wieder. Ayrton kniete und drückte ein Ohr an die Erde. »Es geht durch die Wurzeln«, sagte er. »Wie Atem in einem Kessel.«
»Dann müssen wir schneller sein als der Kessel«, sagte Cyrus.
Sie nannten ihr Schiff schon jetzt ›Bonadventure‹, wie die alte Schaluppe. Es lag wie ein junger Wal auf dem Bauch und wartete auf Planken. Pencroff arbeitete für drei. »Schlaft mir nicht ein!«, rief er und schwang die Axt. »Diese Nüsse knackt der Berg uns sonst auf!«

In den nächsten Tagen schlug die Sonne durch einen schmutzigen Schleier. Asche fiel wie schwarzer Schnee. Sie blieb auf den Schultern liegen, kroch in die Haare, kratzte in den Augen. Top schüttelte sich alle paar Schritte. Jup saß im Granithaus und schaute mit großen Augen aus dem Fenster, als überlege er etwas Wichtiges.
Cyrus brach mit Ayrton zur Hürde auf. Sie wollten zum Krater hinauf und in die Dakkar-Grotte hinab. »Ich muß wissen, wo der Riß ist«, sagte Cyrus unterwegs. »Nemo hat es geahnt.«
Oben am roten Bach zischten neue Dampfsäulen. Wo früher eine einzige Schwefelquelle stand, waren es jetzt dreizehn. Sie pufften wie Schornsteine aus dem Felsen. Cyrus blieb stehen und sagte nichts. Dann gingen sie hinab in die große Höhle.
Die Grotte war ohne Nemos Lichter dunkel und schwer. Eine Fackel zischte am Bootsmast. Wasser glitzerte unter dem Bogen. Cyrus ließ das Boot ans hintere Ende gleiten. Er hielt die Fackel hoch und strich den schwarzen Basalt entlang. Da war eine Spalte. Und noch eine. Und noch eine. Ganz feine Risse, in denen ein gelber Atem zitterte.
»Schau einmal hin«, flüsterte Cyrus.
Ayrton schaute hin. Er verstand. Hinter dieser Wand glühte der Vulkan. Und davor, hier in der Höhle, lag das Meer. Wenn die Wand brach, würde das Wasser in die Glut fallen — und in einem einzigen Moment zu Dampf werden. Kein Kessel der Welt hielt das aus.
»Darin liegt die Gefahr«, sagte Cyrus. »Die entsetzliche Gefahr.«
Sie ruderten zurück. Über ihnen ruhte tief unten die ›Nautilus‹ im stillen Wasser. Ayrton senkte einen Augenblick den Kopf. Dann griff er stärker in die Ruder.
Im Granithaus saßen die Freunde am langen Tisch. Cyrus erzählte. Er sprach ruhig, wie er immer sprach, aber jedes Wort traf wie ein Hammer. »Die Insel Lincoln wird nicht bleiben«, sagte er. »Wir wissen nicht, ob es Wochen sind oder Tage. Aber sie wird nicht bleiben.«
Niemand sprach. Pencroff sah aus dem Fenster und seine Schultern zuckten einmal, ein einziges Mal. »Dann«, sagte er schließlich heiser, »dann bauen wir das Schiff fertig. Pflicht ist Pflicht.«
»Pflicht ist Pflicht«, wiederholte Nab leise.
Wusstest du? — Wie Vulkane Inseln machen und zerstören
Viele Inseln im Pazifik sind aus Vulkanen entstanden. Tief unten im Meer drückte glutflüssiger Stein, die Lava, nach oben. Sie kühlte ab und wurde fester Fels. So wuchs Schicht für Schicht ein Berg, bis er aus dem Wasser ragte — eine neue Insel. Doch was Feuer schafft, kann Feuer auch nehmen. Bei sehr großen Ausbrüchen reißen manche Inseln auf, brechen ein oder fliegen auseinander. Auf alten Seekarten stehen winzige Punkte mit dem Vermerk: »Heute nicht mehr vorhanden.«
Eine Nacht später, gegen zwei Uhr, riß ein Krachen die Freunde aus dem Schlaf. Der Himmel war rot. Der obere Kegel des Franklin war abgerutscht. Aus dem offenen Rachen quoll ein breiter Lavastrom. Er rann nicht — er marschierte. Er kroch durch den Wald wie eine glühende Schlange.
»Die Hürde!«, schrie Ayrton.
Sie spannten die Onager. Sie jagten dem Strom voraus. An der Hürde meckerten die Tiere vor Angst. Ayrton stieß das Tor auf. Mufflons und Ziegen sprangen in alle Richtungen ins Dunkel. Eine Stunde später kochte die Lava über den Pferch. Die Hütte loderte und sank in sich zusammen. Es war nichts mehr da.
»Der Mensch hat keine Waffen gegen das Feuer der Erde«, sagte Cyrus halb zu sich selbst.
Tag um Tag fraß sich die Glut weiter. Cyrus führte sie an den Grant-See, wo der Strom ins Tal drängte. »Wir bauen einen Wall«, sagte er. »Das Wasser soll ihn schlucken.« Sie schaufelten, schleppten, warfen Stämme quer. Sie schwitzten, husteten, schwitzten weiter. Der Damm hielt. Mit Donnern stürzte die Lava in den See. Wasser zischte zum Himmel. Es war ein Kampf zwischen Feuer und Wasser, und das Feuer gewann nur halb. Das Plateau blieb verschont — vorerst.
»Pencroff«, sagte Cyrus, als sie am Strand standen, »wir lassen das Schiff ins Wasser, sobald der Rumpf dicht ist. Den Rest machen wir auf See.«
»Aye«, sagte Pencroff. Mehr nicht.
In den nächsten Nächten arbeiteten sie bei rotem Schein. Der Berg leuchtete für sie. Es war ein furchtbarer Lampenschein. Top wich Harbert nicht von den Fersen. Jup half Walnüsse tragen, Becher reichen, kleine Bretter halten. Manchmal blieb er stehen, hob den Kopf zum Berg und zog die Stirn kraus, als sei er der weiseste von allen.
Am Abend des achten März luden sie das Schiff. Vorräte, Werkzeug, Decken, Bücher. Nemos Schatulle, in Tuch gewickelt. Top sprang an Bord. Pencroff trug Jup über die Planke. Der Orang-Utan war müde und ließ sich tragen wie ein schläfriges Kind. In seiner Hängematte unter Deck schlief er sofort ein, die Wange in das Fell seiner kleinen Decke gepreßt.
»Schlaf nur, Alter«, murmelte Pencroff. »Wir wecken dich auf hoher See.«
Sie stießen ab. Der Strand sank fort. Hinter ihnen brannte die Insel wie eine riesige Fackel. Die Wellen warfen ihnen Asche ins Gesicht.
Dann geschah es.
Es war kein Donner, kein Knall. Es war alles auf einmal. Ein weißer Berg aus Dampf schoß aus dem Krater, höher und höher, bis er die Wolken berührte. Der Boden der Insel hob sich. Dann sank er. Dann hob er sich noch einmal — und zerbrach.
»Festhalten!«, brüllte Pencroff.
Eine Welle traf das Schiff wie eine sanfte, sehr große Hand. Die Freunde duckten sich. Sie sahen aus sicherer Ferne, was kein Mensch je vergessen würde: Wo eben noch die Insel Lincoln gewesen war, war jetzt offenes Meer. Nur ein einziger Felsen ragte aus dem dampfenden Wasser, klein wie ein Daumen.
Niemand sprach. Nab nahm Cyrus die Hand. Harbert weinte still. Pencroff sah lange in die Richtung, in der das Granithaus gewesen war.
»Leb wohl, Lincoln«, sagte er endlich.
Neun Tage trieben sie am Felsen. Sie aßen wenig, tranken Regen aus einer Mulde. Sie wurden müder und stiller. Top legte den Kopf auf Harberts Knie. Jup schlief viel.
Am Morgen des neunten Tages richtete Ayrton sich auf. Er streckte den Arm aus. Erst zitterte die Hand. Dann zeigte sie ganz fest auf einen Punkt am Horizont.
»Ein Schiff«, flüsterte er.
Es war eine schlanke, schöne Yacht. Sie kam direkt auf den Felsen zu, als wisse sie genau, wohin. Am Bug stand ein Name in goldenen Buchstaben: »Duncan«.
»Aber wie?«, flüsterte Cyrus, als sie an Bord lagen, in Decken gewickelt, warm und gerettet. »Wie habt ihr uns gefunden?«
Der junge Kapitän — Robert Grant — zog ein Stück Papier aus der Tasche. »Auf der Insel Tabor lag dies in einer Hütte. Die Lage eurer Insel. Sechs Namen. Eine Handschrift.«
Cyrus sah die Schrift an. Er kannte sie. Er hatte sie auf einem Zettel an der Hürde schon einmal gesehen. Sie war fein und ruhig wie eine alte Stimme.
»Nemo«, sagte er leise. »Bevor er starb, ist er noch einmal hinausgefahren. Mit unserer alten Bonadventure. Damit man uns findet, falls die Insel sinkt.«
Pencroff zog die Mütze und drückte sie an die Brust. »Ich hatte recht«, murmelte er. »Auch tot bleibt er ein Freund.«
Vierzehn Tage später setzten die Freunde den Fuß auf amerikanischen Boden. Mit Nemos Perlen und Diamanten kauften sie ein weites Land in Iowa, zwischen Wäldern und Wiesen. Dort gründeten sie ihre neue Heimat. Sie gaben dem Fluß den Namen Mercy. Sie nannten einen Hügel Berg Franklin. Einen kleinen See tauften sie Grant-See. Die Wälder hießen Wälder des Fernen Westens.
»Eine Insel mitten im Land«, sagte Harbert und lachte zum ersten Mal seit langer Zeit.
»Unsere Insel«, sagte Nab.
Spilett gründete eine Zeitung, den »New Lincoln Herald«. Pencroff wurde Bauer und brummte wie ein Seemann zwischen den Pferden. Ayrton arbeitete still und treu. Top jagte Hasen. Jup — denn ja, Jup hatte den langen Schlaf überstanden, schwankend, dünn, aber lebend — saß im Garten und teilte Walnüsse mit Harbert.
Und manchmal, wenn der Wind aus Westen kam, blickten sie alle nach dem Pazifik hinaus. Weit draußen, sehr weit, schwingt eine kleine Boje im Wellenspiel. Sie hat keinen Namen. Sie blinkt nicht. Aber tief unter ihr, in einer dunklen, stillen Höhle, ruht ein Mann in einem Schiff aus Stahl.
Manchmal, sagen die Freunde in Iowa, träumen sie noch immer von einer Insel, die nicht mehr da ist.

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